| |
|
 |
|
|
|
Einführung 3
|
Der Leser eines Hypertextes hat die Möglichkeit, sich für verschiedene Lesepfade durch einen Hypertext zu entscheiden. In den seltensten Fällen hat er einen Überblick über dessen Elemente, die in einer Baum- oder Netzstruktur (Rhizom) miteinander verbunden sein können. Die Textstruktur bleibt undurchschaubar, eine lineare Abfolge von Kapiteln und Seiten fehlt, Hypertexte haben häufig kein Ende: der Leser verfolgt statt dessen immer neue mögliche Kombinationsvarianten der Textelemente. Assoziative Verbindungen können dabei sichtbar gemacht werden. Damit hat der Leser zwar Wahlmöglichkeiten des Leseverlaufes, gleichzeitig aber kann er nur die vom Autor vorgesehenen Verknüpfungspfade abschreiten und Assoziationen nachvollziehen. Der Leser muss diese nicht mehr selbst herstellen, ein Grund, der zum Vorwurf einer "assoziativen Verarmung" bei Hypertexten geführt hat. An diesem Punkt ergibt sich die große Schwierigkeit eines literarischen Hypertextes, der nur dann überzeugt, wenn es dem Leser möglich ist, einen plausiblen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Textfragmenten herzustellen. Lineare Geschichten und klassische Erzählformen sind mit Hypertext kaum abbildbar. Die einzelnen Textelemente müssen vielseitig verknüpfbar sein. Hypertext unterstützt eine Episodenhaftigkeit und hermetische Dichte der einzelnen Fragmente. Für den Leser hält Hypertext-Literatur damit Überraschungen bereit, denn es ist keine notwendige Folge, dass die Vorteile von Hypertext in eine überzeugende und befriedigende Leseerfahrung münden.
Die Hypertextstruktur und die zunehmende Verknüpfung mit Multimedia-Elementen stellt neue Kompositionsaufgaben und erfordert ein neues Textverständnis, dem nur eine erweiterte Literaturtheorie entsprechen kann.
In Anlehnung an Dirk Schröder kann man folgende Unterscheidungen treffen:
- Textbasierter, literarischer Hypertext
(Hypertextliteratur, wie Licht, Berlin von Peter Glaser oder Afternoon, a Story von Michael Joyce)
- Animierte nicht-multimediale Literatur
(Computerliteratur, wie noise 99 von Oliver Gassner oder The Book of Neoism von Florian Cramer)
- Literatur von Internet-vernetzten Autorengruppen, genannt kollaborative (gemeinschaftlich verfasste) Schreibprojekte, die offen zugänglich oder nur für eine ausgewählte Autorengruppe sein können.
(Ein Beispiel für ersteres ist der Hyperknast von Heiko Idensen u.a., für bestimmte Autoren zugelassen ist dagegen Pool oder Null)
- Multimediale Literatur, bzw. Literatur als Teil einer Bild, Ton, Animationen und Video umfassenden, multimedialen Netz-Kunst.
(Siehe Gvoon oder Das Epos der Maschine von Urs Schreiber)
Die meisten Arbeiten einer "digitalen Literatur" sind Mischformen. Mit zunehmender technischer Entwicklung geht die Tendenz zu multimedialen, mit Programmelementen versehenen Hypertextarbeiten, wie Meine Stimme ist weiß von Susanne Wolf. Hypertext- und Hypermedia-Literatur sind technisch nicht auf das Internet angewiesen, werden aber vorwiegend darüber verbreitet. Kollaborative Schreibprojekte sind dagegen nur in einem Netzwerk sinnvoll. Sie nutzen die Bearbeitungsmöglichkeit und Erweiterbarkeit durch den Leser, die Herstellung intertextueller Bezüge und Verknüpfungen. Einige Netztheoretiker - wie Heiko Idensen oder Dirk Schröder, der hierfür den Begriff "Webfiction" vorschlägt - sehen gerade in den kollaborativen Schreibprojekten die spezifische neue Literaturform des Internets, mit tiefgreifenden Folgen für die institutionalisierte Rollenverteilung von Werk, Autor und Leser. Solche Mitschreibeprojekte existieren im Internet in ganz verschiedenen Strukturen. Der Hyperknast von Heiko Idensen beruht auf einer von jedem Leser erweiterbaren und verzweigbaren Baumstruktur, wobei ein thematischer wie metaphorischer Rahmen durch den Titel bereits vorgegeben ist. Der Pool veröffentlicht alle eingesandten Beiträge in einer linearen Reihenfolge. Weiterhin existieren diverse Gemeinschaftsromane oder -krimis, und Autorenprojekte wie Null von Thomas Hettche, in dem Beiträge und Kommentare ausgewählter Autoren rhizomartig - netzartig verwoben - miteinander verknüpft werden.
Im folgenden wurden acht unterschiedliche Arbeiten ausgewählt, die eine Bandbreite über die aktuellen Positionen einer digitalen Literatur repräsentieren.
|
 |  |
|