Liter@tur. Computer/Literatur/Internet
 
 
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Rezensionen
   
BNN, 16. April 2000
Ausstellung zu Literatur im Netz
Das Eigenleben der Buchstaben

Die Literatur lebt. Nicht nur symbolisch. Die Worter, die die alten Bäume beschreiben mit ihren dürren Ästen in Reih' und Glied, neigen sich zur Seite, die Bäume fallen um, der Wald stirbt. Kein Zweifel, die Buchstaben haben ein Eigenleben. In einer schönen und zugleich ungewohnten Ausstellung im Museum für Literatur am Oberrhein wird das jetzt gezeigt.
Aber man muss sich schon von einigen Vorurteilen befreien. Denn das Internet, um das es hier geht, hat eine eigene Kunstform hervorgebracht, vieles hat nichts mit der Literatur zu tun, wie wir sie kennen. Nicht nur rein äußerlich fällt das Blättern in den Seiten weg. Auch die Kunst selber ist anders. Nicht Literaten schreiben, sondern Techniker müssen die Seiten programmieren, müssen sich mit Computersprachen und Konstruktionsprinzipien auskennen, mit ,,story space" und anderen Bausteinen. Und da sind die reinen Autoren schlicht überfordert. Erst dann aber entstehen die sehenswerten Gebilde, die auch Torsten Liesegang begeistern, der die Ausstellung im Museum im Prinz-Max-Palais zusammengestellt hat.
Nicht nur reine Fleißarbeit war das, im Netz tummeln sich viele, bei denen von literarischer oder technischer Qualität keine Rede sein kann. Liesegang hat bewusst wenige Beispiele ausgewählt, um zuerst einen Überblick zu bieten, kommentiert durch lesbare, kurze Texte. Es gibt Untergenres: die rein textbasierten, also das, was man auch als Buch lesen konnte, animierte Texe, vernetzte Autorengruppen und die ,,richtige" multimediale Literatur. Aus allen Bereichen sieht man an den Bildschirmen am Museum etwas, eine Textwerkstatt aus Graz, die sich an Jugendliche wendet, ein sich in alle Ewigkeit verzweigender Hypertext, zu dem jeder beitragen kann, was und wie er will. Vieles ist Spielerei mit Text und Bild, bilderar-tige Tableaus gibt es, einen assoziativen Spaziergang durch Berlin, eine witzige Textschüttelmaschine, vieles hat Anklänge an die Bildende Kunst. Ergänzt wird die Textausstellung durch Hinweise auf bestehende Projekte, Literaturzeitschriften im Netz und gut gemachte Seiten über Autoren. (gg)
Ausstellung ,,Liter@tur.Computer/Literatur/Internet" im ,,Museum für Literatur am Oberrhein", Prinz-Max-Palais. Eröffnung am 16. April um 11 Uhr mit einem Vortrag von Reinhard Döhl. Zu sehen auch unter ,,www.netlit.de".

BNN, 17. April 2000
Die Dichtkunst aus dem Rechner
Reinhard Döhl zu Literatur und Computer in einem Karlsruher Vortrag

Lauter Ansätze. Das Internet ist noch jung und vor allem als Werbefläche genutzt. Anders seiht es mit der künstlerischen Auseinandersetzung aus, in der es erst praktische und theoretische Ansätze gibt. Professor Reinhard Döhl aus Stuttgart hat viele Ansätze der Computerkunst begleitet und selbst initiiert, und zwar bereits in den fünfziger Jahren, als er in Stuttgart auf den Philosophen und Mathematiker Max Bense und andere Künstler traf. In der Eröffnung zur "Literatur-und-Internet"-Ausstellung im Prinz-Max-Palais (wir berichteten) erzählte er spannend und lebendig, dabei theoretisch immer auf dem Punkt, von seinen vierzigjährigen Erfahrungen mit den Computern.
Zwar basiert im Internet alles auf Sprache, auch die Bilder und Töne werden in Sprachform übermittelt, aber die Literatur selbst, die "richtige" Internet-Literatur ist keine Literatur mehr, sondern eine Form der Kunst, die sich unter anderem der Sprache bedient. Und so hat Reinhard Döhl angefangen, im offenen und sich reibenden Spannungsfeld zwischen Kunst, Lyrik und Technik. Vorläufer waren experimentelle Autoren und die écriture automatique der Surrealisten, aber so richtig begann der improvisierte, automatische Text Ende der fünfziger Jahre zu leben, mit einem Rechner, der plötzlich nicht nur rechnen, sondern auch schreiben konnte. Diese Maschine schrieb nach Vorgaben, einem Lexikon und einer Grammatik, eigene Texte, deren Sinngehalt vorsichtig gesagt, anders war als die bekannte persönliche Lyrik. "Ein Tag ist spitz, nicht jede Kirche ist still" kommt in einem so entstandenen Text vor. Plötzkucg war da eine Poesie, aber kein Poet mehr da, kein intentionaler, sondern nur noch ein materialer Ursprung. Selbst moderne Künstler sind bei einer Ausstellung, in der solche und andere Computerkunst vorgestellt wurde, "Türen schlagend raus und Türen schlagend wieder rein" gelaufen, wie Döhl erzählt.
Nach und nach eignete sich die "Stuttgarter Schule", wie sie genannt wurde, auch andere Medien an, den Rundfunk, und entdeckte nicht nur, dass andere in Frankreich, Japan und Brasilien wie Perec und Katue auch so etwas ausprobieren, sondern dass sie auch Vorläufer hatte wie Apollinaire und Benjamin, und dass sich die Rolle des Autoren ändert. Herr Döhl, darin ganz subjektiv, mag vor allem die Mischformen der neuen Kunst und den Dialog und sieht eine Gefahr im Zapping, die Aufmerksamkeit im Netz lässt nocht sehr zu wünschen übrig. Und auch die Theorie hinkt dem noch sehr hinterher, trotz aller Bemühungen der Stuttgarter. "Exit Author", wie er am Schluss meinte? Noch lange nicht. -grg-

BNN, 24. April 2000
Heiko Idensen sprach über literarisches Schreiben im Internet
Von der "Erotik der Verknüpfung"
Psychologe stellte seine ,,imaginare Bibliothek" im Prinz-Max-Palais vor

,,Text adventure" im Internet - Literatur, das war früher. Jetzt ist ,,fun generation" dran und die ,,Zapping-Kultur". Begeistert von den technischen Verknüpfungsmoglichkeiten begreifen manche das Internet als Spielwiese. Einer von denen, die mit diesen Links virtuos spielen, ist der Psychologe und Literaturwissenschaftler Heiko Idensen. In einem Vortrag mit praktischer Vorführung seiner Projekte zeigte er im ,,Museum für Literatur am Oberrhein" aber vor allem die theoretischen Tiefen, die man im Netz selbst bei Hochschullehrern entdecken kann. Idensens theoretischer Ansatz für seine Internet-Projekte ist die Venetzung selbst. Inhalt interessiert ihn nicht.
Seine ,,imaginäre Bibliothek" (der Titel ist eine Anspielung auf den Dichter Jorge L. Borges) ist ein virtueller Raum, an dem sich alle beteiligen Können. Gedacht ist an eine Verknüpfung von Stellen aus allen möglichen ,,Lieblingsbüchern". Das Ziel ist nicht Bil-dung, weder Wissensbildung noch charakterliche, sondern ,,ein verzweigtes, assoziatives Lesen und Navigieren" - also in etwa das, was jeder gute Leser sowieso macht.
Auch seine Schreibwerkstätten sind theoretisch ganz auf die Verknüpfung als Selbst-zweck ausgelegt. Sein ,,Hyperknast" stellt virtuelle Räume zur Verfügung, in denen man unter vagen Überschriften Texte reinstellen kann, die sich auch wiederum verzweigen und einen so genannten ,,text tree" (Textbaum) bilden. Idensen freut sich über die so entstandene ,,schone vernetzte Struktur", die dabei entsteht. Der Veranstalter Torsten Liesegang sagte hingegen über dieses Projekt ,,da kann man sülzen ohne Ende".
Ein irgendwie gearteter Inhalt war auch in der Diskussion bei Idensen nicht zu erkennen, es ist alles Struktur, Benutzeroberfläche und freies Assoziieren. Seine Utopie ist ,,der freie Markt" und die ,,Gründung neuer Diskurse". Aber warum man sich da ins Internet begeben muss und nicht stattdessen das Grimmsche Wörterbuch lesen kann, wird nicht ersichtlich. Für Idensen ist es eben ,,die Erotik der Verknüpfung". Da möchte man nicht weiter stören. grg

FAZ, 29. April 2000
Gefangen im Hyperknast
Belüftete Gedichtgeneratoren: Das Karlsruher Projekt ,,Liter@tur. Computer/Literatur/Internet"

In "Gullivers Reisen" beschreibt Swift eine Maschine, die noch den dümmsten Studenten der Akademie von Lagado zum Autor promoviert: eine Art mechanischer Webstuhl, der mit Hilfe verdrahteter und beschrifteter Holzblöcke selbsttätig Sätze generiert, die beflissene Schreiber in Folianten speichern. Würden fünfhundert solcher Textautomaten vernetzt, ließe sich das ,,vollständige System aller Geistes- und Natur-wissenschaften" noch schneller und besser zusammenschustern; aber dafür fehlt das Kapital. Swifts satirisch aufgeklärter Zufallsgenerator scheint heute in Reichweite zu liegen. Schon die ,,Stuttgarter Gruppe" um Max Bense experimentierte mit konkreter ,,Poesie aus dem Elektronenrechner". Zehn Jahre lang tüftelten die schwäbischen Pioniere an Lochkartenlyrik (,,Der Mond ist aufgeflimmert / die tote Seele wimmert"), ehe sie 1968 durch ein Hörspiel von George Perec die Lust an ihren ,,permutationellen Manifesten" jäh verloren: Perec hatte in ,,Die Maschine" einen Rechner beschrieben, der, vor die Aufgabe gestellt, Goethes Hymne ,,Wanderers Nachtlied" zu analysieren, seinen Geist aufgibt. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner digitalen Re-produzierbarkeit hatte seine Aura noch einmal gerettet.
Inzwischen haben Personal Computer und das Internet die kühnsten Utopien der Stuttgarter Kybernauten übertroffen. ,,Netzliteratur" hat sich - mehr gegen den analogen Literaturbetrieb als in ihm - in Wettbewerben, Workshops und Gesprachsforen institutionalisiert: jeder Hobbydichter Dirigent eines multimedialen Orchesters und sein eigener Verleger. Aber noch immer schreibt der scheintote Autor als Operateur oder Medienpädagoge Anweisungen vor, denen sich der Surfer auf der Benutzeroberfläche gern durch eine ,,hypertextuelle Zapp-Mentalitat" (Johannes Auer) entzieht. Selbst der alte Werkbegriff ist durch die neuen Medien weniger dekonstruiert worden als durch die Poetiken der klassischen Moderne. Die Verknüpfung von Bild und Text oder die Schreibgemeinschaft sind ja älter als der Buchdruck; Internet und PC bieten den gescheiterten Utopien der Avantgarden nur neue technischen Plattformen. Die Netzliteraten zitieren fröhlich dadaistische, konstruktivistische und surrealistische Traditionen, die Cut-up-Collagen der Beat-Literatur und die Konkrete Poesie; aber unbeschwert von historischem Bewusstsein gebiert der krei-sende Berg meist nur eine Mouse. Autorengruppen wie ,,TanGo" oder ,,Pool" sammeln bisher nur die Erlebnisaufsätze und Gedankensplitter ihrer Mitglieder und Fans. Nur zögernd entwickeln sich Ansätze einer echten Interaktivität, die durch das Einziehen von ,,Leserspuren" die Hierarchie von Sender und Empfänger, Autor und Leser aufzuheben trachtet. Gewöhnlich bleibt es bei dem frommen Wunsch, den Benutzer ,,durch verzweigtes assoziatives Lesen und Navigieren in ein Netzwerk aus Texten zu verstricken". Vom Verschwinden des Buches im Netz kann vorläufig jedenfalls keine Rede sein. Die überwunden geglaubte Schrift liegt jeder Internetliteratur zugrunde.
Stephan Porombka behauptete jüngst in der ,,Neuen Rundschau", deutsche Netzliteratur sei erst bei sich angekommen, seit sie ihre kabbalistischen Verkrampfungen aufzugeben und zu traditionellen Schreibweisen zurückzukehren beginne (F.A.Z. vom 13. April). Dem würde Torsten Liesegang, der jetzt für das Karlsruher Museum für Literatur am Oberrhein ein Projekt ,,Liter@tur. Computer/Literatur/Internet" eingerichtet hat, entschieden widersprechen. Nicht, dass er sich Illusionen über die Qualität der Netzliteratur machte. Das meiste hält auch er für eine Zumutung, die enthusiastische Rede von einer ,,Erotik der Verknüpfung" für Gesülze. Aber nicht, weil unendlich verastelte Textbäumchen bislang eher Langeweile und Verdruss erzeugten: Für Liesegang haben die Netzartisten die technischen, sozialen und ästhetischen Potenziale ihres Mediums noch gar nicht auszuschöpfen begonnen. Für narrative Erzählformen erscheint es ihm ungeeignet, als bloßes Publikations- und Vertriebsinstrument unterfordert.
Sein Portal führt daher nicht zu multimedial verlinkter, aber ansonsten konventioneller Literatur im Netz, sondern zu Schreibprojekten, die ihre virtuelle Produktionsweise und die Materialität ihrer Sprache in Form wie Inhalt fortlaufend erweitern und poetologisch reflektieren: Neues entstehe erst, wenn ,,literarische Texte mit Programmelementen versehen werden, um visuelle Bewegung und mimetische Effekte zu erzeugen". Das geschieht etwa in den aleatorischen ,,Permutationen" Florian Cramers, der die ganze Archäologie der Moderne durch die Mühle seiner Textautomaten dreht, in Susanne Berkenhegers fensterlnden Traumreisen oder Susanne Wolfs Internet-Krimi ,,Meine Stimme ist weiß". Peter Glaser übersetzt das Lebensgefühl des benjaminschen Flaneurs in das ,,Online-Gefühl" des zeitgenössischen Berlin-Romans: ,,Nicht mehr Leute, Literatur oder Liebe sind von Bedeutung, nur noch Frequenz. Das Umblättern hat über den Text gesiegt, Berlin über die anderen Städte Deutschlands." Martina Kieninger integriert irreführende Links, grafische und Programmcodes in den Dialog faustischer ,,Daemonen": ,,Durch Netze und Kabel/ durch dünne und dicke / verdrahtetes Babel / verkabelte Sinne. / Ich trage Akten / Informationen / sinnlose Fakten/ die den Weg nicht lohnen".
Das vielleicht avancierteste Projekt, Urs Schreibers ,,Epos der Maschine", macht die Lektüre zu einem Wühlen, Schwimmen und Tauchen in rhizomatischen Strukturen: Je nach Cursor-Position tauchen Texte und typografische Elemente aus dem Nichts auf, dehnen und verzweigen sich und verschwinden wieder. Der Mauszeiger wird zum ,,großen Kommunikator zwischen Mensch und Maschine", Zauberstab einer komplexen Matrix. Aber nicht jeder Leser will aus dem Kerker der Passivität befreit werden. Kaum ein Kollaborateur mochte sich bisher in die panoptisch überwachten Zeilen von Heiko Idensens ,,Hyperknast" einschreiben: Seine Befehl ,,Brecht aus! Brecht ein!" verhallt ungehört.
"Liter@tur" ist naturgemäß keine Ausstellung im körperlichen Sinne. Unter der Adresse www.netlit.de kann man die klar strukturierte Materialsammlung von jedem Home Computer aus besuchen: Vorträge und einführende Texte zur Geschichte der Netzliteratur, kommentierte Links zu ausgewählten Projekten von Michael Joyce' Klassiker "Afternoon" bis zur Berliner ,,Softmoderne", Verweise auf die Websites von Verlagen, Autoren, Schreibkollektiven, Online-Zeitschriften und Archiven. Reinhard Döhl, ein Pionier der Computerliteratur, gab für seinen Vortrag übrigens die Wörter aus ,,Wanderer Nachtlieds" in einen Textautomaten ein. Das Ergebnis fiel kaum ermutigender aus als in Perecs Hörspiel. ,,Gipfeln wipfeln ist", brabbelte ,,Günters genialer Gedicht-Generator". ,,Hm, das ist aber eine komplizierte Vorgabe! Na meinetwegen." Döhls Mentor Bense hatte einst Novalis' Unterscheidung zwischen künstlicher und natürlicher Poesie umgekehrt. Der Unterschied selber, Prüfstein jeder künstlichen Intelligenz, ist seither nicht viel kleiner geworden. MARTIN HALTER

BNN, 30.April 2000
Provozierende und erfrischende Thesen zum Thema Literatur und Netz
Florian Cramer hielt innerhalb der Europäischen Kulturtage in Karlsruhe einen aufschlussreichen Vortrag im Museum für Literatur am Oberrhein.

,,Warum gibt es bisher zu wenig interessante Netzliteratur", fragte Florian Cramer in einem Vortrag im Museum fur Literatur am Oberrhein. Seine Antwort gliederte sich in neuen Thesen, eigentlich neun Forderungen, die er an die Netzliteratur hat, damit sie überhaupt erst eine wird. Bisher nämlich, so sein Eindruck, gibt es noch keine. Was im Netz steht, sind fast immer Texte, die in einem Buch oder auf einem Blatt Papier genauso gut funktionieren wurden und noch dazu sehr viel besser lesbar sind als an dem erwiesenermaßen ermüdenden Bildschirm. Sehr vieles von dem, was sonst noch im Netz zu lesen ist, würde ebenso gut auf einer CD-ROM funktionieren, und in den USA macht der Vertrieb auf einer CD einen sehr großen Anteil an sogenannter Hypertext-Literatur aus.
Überhaupt gebe es ein Missverständnis, das auch aus Amerika auf uns gekommen ist: Das Wort ,,Hyper" sieht so aus, als wenn in solchen Hypertexten mehr wäre als in einem normalen, mit Maschine oder Computer geschriebenen Text. Ist es aber nicht. Es ist ein Text wie jeder andere auch, er hat sogar weniger Möglichkeiten als ein Buch. In einem Hypertext gibt der Autor den Weg des Lesers vor, in Kafkas ,,Prozess" beispielsweise kann man jederzeit vor und zurück blättern und selbst assoziieren, in einem Krimi kann man die Auflösung zuerst lesen, wenn man will. Nicht so im Hypertext. Er ist also ärmer als ein Buch. All das zählt für Cramer nicht unter Netzliteratur, es ist für ihn im Netz vertriebene Literatur. Cramer hatte noch mehrere solche provozierenden und sehr erfrischenden Thesen auf Lager. So würde er Idensens ,,Imaginäre Bibliothek" (wir berichteten) viel lieber als ein Buch lesen, das würde ebenso funktionieren wie im Netz oder als CD-ROM. Was also ist Netzliteratur für ihn? Neben den wenigen witzigen und bedenkenswerten Ansätzen, die er kurz zeigte, kam er zum Schluss zu seiner Hauptforderung, dass man als Autor im Netz (und nur da) auch zwingend ein Programmierer sein muss, denn man müsse die Programmiersprachen verstehen und schreiben und man müsse sie kritisch reflektieren können.
Nicht zuletzt muss man natürlich auch Künstler sein. Damit schließt er direkt an die Ansätze der experimentellen Literatur an, eine Minderheitensache, das war Cramer auch klar. Die Crux ist, dass erst etwa 20 Jahre nach den Programmierern die ersten Künstler ins Netz kamen und sie diese Zeit noch nachholen müssen. Warten wir also noch etwas. Anders als einige seiner Vorredner war Cramer theoretisch sehr beschlagen und auch in der Lage, sogar komplexe technische Zusammenhänge so zu schildern, dass man sie verstand. Zusammen mit seinen provokanten Ansätzen, gut dargeboten und schlüssig entwickelt, war dieser Vortrag der Höhepunkt der Vortragsreihe. grg

Fachdienst Germanistik 6/2000
"Liter@tur - Computer / Literatur / Internet"

ist das Thema der mit einem Vortrag von Reinhard Döhl eröffneten Ausstellung, die das Karlsruher Museum für Literatur am Oberrhein zu den Europäischen Kulturtagen zeigt. Präsentiert wurden Auszüge aus den Debatten um eine digitale Literatur und eine Auswahl von literarischen Initiativen aus dem Internet, bemerkt Georg Patzer (,,Stuttgarter Zeitung", 10.4. /17.4.).
Noch sei die Diskussion am Anfang und eine ausgeprägte Ästhetik des Netzes nicht so recht sichtbar, und dennoch könne man in der Ausstellung und am eigenen Computer zu Hause erleben, ,,wie die Literatur plotzlich wieder zu leben beginnt". Die Schau, die natürlich auch auf einer Web-Seite zu besuchen sei (,,www.netlit.de"), habe Torsten Liesegang in Verbindung mit Hansgeorg Schmidt-Bergmann zusammengestellt. Er habe "repräsentative Beispiele ausgewählt und sie klug und knapp kommentiert". Entstanden sei ein guter und gut strukturierter Überblick über alle Genres der Computerliteratur von den einfachen Textseiten über assoziative, sich verzweigende Textbäume bis zu bildhaften, lebendigen Tableaus".
Ähnlich wie Stephan Porombka in der ,,Neuen Rundschau" (2/2000) halte Torsten Liesegang den größten Teil der Netzliteratur qualitativ eher für eine Zumutung und die enthusiastische Rede von einer Erotik der Verknüpfung wohl für ,Gesülze", schreibt Martin Halter (,,Frankfurter Allgemeine", 29.4.). Doch hatten für Liesegang - anders als fur Porombka - ,,die Netzartisten die technischen, sozialen und asthetischen Potenziale des neuen Mediums noch gar nicht auszuschöpfen begonnen ... Sein Portal fuhrt daher nicht zu multimedial verlinkter, aber ansonsten konventioneller Literatur im Netz, sondern zu Schreibprojekten, die ihre virtuelle Produktionsweise und die Materialität ihrer Sprache in Form wie Inhalt fortlaufend erweitern und poetologisch reflektieren".
Manche Netzliteratur-Versuche wie die von Florian Cramer, Susanne Birkenheger, Peter Glaser, Susanne Wolfs, Martina Kieninger oder Urs Schreiber seien durchaus neu und sehr beachtlich; zudem gebe die ,,klar strukturierte Materialsammlung" zahlreiche sehr nützliche Hinweise zu Internet-Aktivitäten vielerlei Art. Außer dem Eröffnungsvortrag des aus der Schule von Max Bense kommenden Netz-Pioniers Reinhard Döhl umrahmten Reflexionen von Erich Maas, Heiko Idensen, Felix Pfefferkorn, Florian Cramer und Rupert Vogel das Thema dieser Ausstellung, die bis April 2001 im Netz bleiben soll. Neben den auch theoretisch sehr beschlagenen Referaten von Florian Cramer und Reinhard Dohl ,fielen die anderen stark ab", kritisiert Georg Patzer (,,Stuttgarter Zeitung", 11.5.). Für eine Veranstaltung dieser Art seien schlichtweg »zu viele schlechte Referate zu hören" gewesen, ,,nicht zu reden von der Geldverschwendung".

Buchreport, Juli 2000
Digitale Dichtung sucht nach Autoren und Lesern
Netzliterarische Zeitschriften werden häufig in Alleinarbeit von Autoren gemacht. Einige stützen sich auf Printmedien, um ihre Seiten ins Gespräch zu bringen. Verlage und Autoren von Hypertextliteratur finden selten einen Draht zueinander.

Der K(l)ick für Köpfe", wirbt Walter Laufenberg für sein ,,netzine" (,,www.netzine.de"). Der Autor, der so respektlos die Love-Story von Marianne Willemer und Johann Wolfgang von Goethe bis eine Minute vor den koitalen Endpunkt getrieben hat, ist vor vier Jahren ins World Wide Web gegangen. Sein Internet-Magazin ist eine freche Seite - und will es sein. Wichtigster Bestandteil neben Rezensionen, Reisebeschreibungen und Journalisten-ABC: das Lästerlexikon ,,LLL" (,,Laufenbergs Lästerlexikon"), auf dem es ganz despektierlich zugeht. Unter dem Begriff ,Bundespräsident" verzeichnet es z. B. ,,In Deutschland als erster Mann im Staat der Vorsänger der Nation. Politischer Kastrat mit extrem hoher Tonlage (vgl. Nation, Showgeschäft)". Doch wer käme auf die Idee, über eine Suchmaschine im Web nach einem Lästerlexikon zu suchen? Um Leser zu rekrutie-ren, bezahlt Laufenberg seit einem Jahr wöchentlich 90 DM für eine Anzeige an die ,,Zeit". Die Annonce hat Erfolg: Im ersten Quartal 1999 gab es 25 179 Zugriffe, im ersten Quartal 2000 waren es schon 56 013. Dieser Erfolg ist allerdings nicht allein der Anzeige zuzurechnen. Wer einmal auf der Seite war, kommt wieder, behauptet der 64-Jährige: ,,Das Angebot wird gut angenommen. Die Leute zeigen Treue." Ein Gast ist zum Beispiel das Goethe-Institut in Tokio. Trotz des Erfolgs produziert Laufenberg die Seite nur für das Internet und nicht auch als Printausgabe. Es wäre zu aufwendig, den Vertrieb zu gestalten. ,,Ich komme an ein Publikum in mehr als 20 Ländern heran", sagt Laufenberg, der jeden Monat die Statistik des Providers auswertet. ,,Außerdem habe ich ein interessanteres Publikum als ich es über die Printmedien erreiche. Meine Leser sind moderner."

Wenn die Verleger mitmachen wurden...
Immerhin denkt der geburtige Opladener darüber nach, die Rubrik ,,Aktuelles", die Satire und Realsatire verwischt, als Buch herauszugeben - in der Art von Lichtenbergs Sudelbüchern. ,,Wenn die Verleger kamen, würde ich mitmachen, aber ich habe mich nicht bemüht. Der Markt ist schwierig, man bietet sich an wie Sauerbier, aber die Verlage bringen lieber Ramschliteratur heraus." Aber gerade ramschen will er nicht, sondern Denkanstöße geben, auch wenn das scheinbar in die Moderne des leicht konsumierbaren Internets nicht passt. Laufenberg also nur dem Guten verpflichtet? Unumwunden bestätigt er: ,,Es ist auch eine PR-Sache." Seine Homepage verweist auf die eigenen Bücher. "Verleger gehen mit Werbung sparsam um. Zum Beispiel das Paradiesbuch oder der Goethetext wären Makulatur ohne meine Werbung. Jetzt sind es Longseller. Das kommt dem Verleger und mir zugute." Sissi Klauser vom Herbig-Verlag, der Laufenbergs ,,Goethe und die Bajadere" verlegt, sieht das anders. Man bemerke leider keinen Effekt, die Seite von Laufenberg mache sich nicht im Absatz seiner Bücher bemerkbar. Prinzipiell halt sie diese Art der Werbung aber für eine gute Idee: ,,Autoren sind die besten Vertriebsleute." Werden Webseiten der Schriftsteller also unterstützt? ,,Nicht unbedingt finanziell - und nicht generell", ist ihre Antwort. Einen Hinweis der Herbig-Webseite zum ,,netzine" gibt es bisher nicht.

Printmedien, Rutsche ins Internet
Ähnliche Erfahrungen hat auch der Karlsruhe Autor Torsten Liesegang mit seiner ,,Netlit.de" (,,www.netlit.de") gemacht. Die Seite will ein Portal für literaturinteressierte Neulinge im Netz sein und ihnen Internet-literatur erschließen. Doch wieder die Frage: Wie kommen die Neulinge gerade zu dieser Seite? In diesem Fall schraubte weniger die Annonce in der ,,Zeit" die Besucherzahlen in die Höhe als ein Artikel in der ,,Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Doch das macht keinen Unterschied: das Printmedium dient als Rutsche ins Internet. Der 29-jährige Liesegang produziert - wie Laufenberg - seine Seite weitgehend allein. Hinter ihm steht allerdings eine Institution, wenngleich keine finanzkräftige: Das ,,Museum für Literatur am Oberrhein" bzw. die ,,Literarische Gesellschaft", Letztere unterstützt von der Stadt Karlsruhe. Sie bezahlt die laufenden Providerkosten, 50 DM pro Monat. Obwohl es in der Stadt das innovative ,,Zentrum für Kunst und Medientechnologie" (ZKM) gibt, beschränkte sich die Zusammenarbeit nur auf den technischen Support in der Anfangsphase.

Keiner zahlt in Deutschland fur Netzkunst
Liesegangs Angebot ,,www.netlit.de" bietet keine digitale Dichtung, sondern verlinkt zu ihr, allerdings nicht auf Autoren, die das Web nur als Distributionsmoglichkeit traditioneller linearer Literatur verstehen. ,,Die Literatur muss innovativ sein, muss also die Möglichkeiten des Mediums - Töne, Filme, Hyperlinks und Programmierungen - integrativ verwenden, beharrt der Karlsruher, der zurzeit über klassische Gesellschafts-theorie promoviert. Viele Anfragen von Autoren weist die ,,Literarische Gesellschaft" zurück. ,,Entweder es hapert literarisch oder es ist nicht innovativ genug." Entstanden ist das Projekt während der ,,Europäischen Kulturtage" in Karlsruhe im April diesen Jahres. Neben den Verweisen auf die Preisträger digitaler Dichtung rufen die Leser Infos über die Geschichte von Computerliteratur ab, finden kommentierte Verweise zu Webprojekten oder surfen über die Links zu weiteren Netzzeitschriften, die Liesegang ausgewählt hat. Zum Beispiel zu " Dichtung Digital" (,,www.dichtung-digital.de"), einer in Deutschland avancierten Zeitschrift fur Internetästhetik. Sie rezensiert Werke der klassischen Netzliteratur. Diese Rezensionen passen sich dem Medium " Hypertext" z. T. mimetisch an. So kann Roberto Simanowski, der 36-jahrige Macher von ,,Dichtung Digital", seine literaturästhetischen Texte nicht auch als Printprodukt drucken lassen: ,,Das Thema selbst ist der Grund." Simanowski gründete die Zeitschrift als Humboldt-Stipendiat mit dem Forschungsthema ,,Cyberspace und Literatur" an der Harvard University. Bei seiner Arbeit stellte er fest, dass es kein Material zum Thema gab. In den USA fand er finanzielle und zeitliche Möglichkeiten, die Seiten zu basteln, um dem Publikum, das digitale Literatur mit Goethe-Online verwechselt, zu zeigen, ,,wie so ein Cyber-Werk aussieht, und um eine Animation aufzudröseln".

Universitaten verschlafen den Trend
Nach Deutschland zurückgekehrt, bekam der Professor, der auf einem amerikanischen Server die Zeitschrift für Deutschland gelegt hatte, keine Unterstützung mehr. Der Arbeitsaufwand ist groß: Bis März aktualisierte er die Zeitschrift monatlich, seitdem erscheint sie nur noch im Abstand von zwei Monaten. Aus der Szene kommt außer positiver Resonanz ebenfalls keine Hilfe. ,,In den USA hatten wir lediglich Serverkosten, und die waren in den Sachkosten drin. In Deutschland kommen die Telefongebühren hinzu", stöhnt Simanowski. Im Jahr macht das 3000 DM, die er aus eigener Tasche bezahlt. Auch die Anzeige in der ,,Zeit" geht auf sein Konto. Finanzielle Unterstützung leistet auch die Universität Göttingen nicht, an der er lehrt, obwohl er im Gebiet der Cyber-Literatur forscht. ,,Die Universitäten sind aufgeschlossen. Aber das Wort Jdealismus' fällt sehr oft", formuliert er seine Enttäuschung von den akademi-schen Institutionen im Umgang mit der wissenschaftlichen Forschung der neuen Literatur. ,,Es läuft nicht so, wie es laufen könnte." So verwundert der Link ,,Spenden" im Homepage-Rahmen nicht. Denn irgendwann sollen Beiträge anderer Autoren auch entsprechend bezahlt werden.

Den publizistischen Strang stärken
Deswegen die Anzeige in der ,,Zeit". ,,Es kommen immer mehr Besucher. Noch ist die Zeitschrift allerdings nicht sehr bekannt", bekennt Simanowski, verweigert aber konkrete Zahlen. Immerhin hat die Seite bei der eingefleischten Internet-Gemeinde einen guten Ruf erlangt. Doch das scheint nicht auszureichen: ,,Da wir keinen Traffic haben, können wir keine Werbung auf der Seite platzieren." Um aus dieser Zwangslage herauszukommen, wird Simanowski den publizistischen Strang gegenüber dem akademischen stärken. Kennt man diese Entwicklung nicht irgendwoher?
Egbert Schäffer

Dichtung-Digital, 22.3.2002
Digitales Drachentöten. Rezension zur «ästhetischen Dimension einer digitalen Literatur»
von Christian Bachmann

Volltext unter http://www.dichtung-digital.com/2002/03-22-Bachmann.htm



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