Felix Pfefferkorn
Hypertext und die Freiheit des Lesers
Vorab eine Warnung: Es wird in diesem Aufsatz nicht um Computer gehen, und schon gar nicht um das Internet. Man kommt ja auch nur am Rande auf Papier zu sprechen, wenn man über konventionelle Literatur referiert, und so soll es auch hier um Inhalte und nicht um die verwendeten Transportmedien gehen. Es wird oft gesagt, die ersten Hypertexte stammten aus den 40er oder 60er Jahren, namentlich wird dann Vannevar Bushs Memex genannt. Bush, ehemals Leiter des MIT und Berater des US-Präsidenten Ted Roosevelt, beschrieb in seinem Aufsatz "As we may think", den Sie sowohl im englischen Original als auch in deutscher Übersetzung leicht im Internet finden und nachlesen können, eine Maschine namens Memex (Memory Extender), die den Menschen helfen soll, das immer schneller wachsende menschliche Wissen zu verwalten. Zwar wurde Memex nie gebaut, aber die Grundidee erwies sich als derart bahnbrechend und zukunftsweisend, daß noch heute kein Referat über Hypertexte ohne Referenz an Bush auskommt.
Ein anderer in diesem Zusammenhang gern genannter Name ist der von Bushs Schüler Ted Nelson. Dieser führte auf der ACM-Tagung 1965 den Begriff "Hypertext" ein und entwickelte ein computerbasiertes Hypertextsystem namens XANADU. In den folgenden Jahren wurden weitere Hypertextsysteme entwickelt, zunächst noch auf Großrechenanlagen, dann mit Apples "HyperCard" erstmals auf einem Arbeitsplatzrechner - HyperCard gehörte seit 1987 standardmäßig zu jedem Macintosh-Computer. Bereits 1989 begann dann Tim Berners-Lee, das World Wide Web zu entwickeln, das 1993 mit der ersten graphischen Oberfläche (Mosaic) seinen bis heute nicht aufgehaltenen Siegeszug begann. Ebenfalls in den Achtzigern wurde gemeinsam von einem Autor, einem Informatiker und einem Schreibtheoretiker mit Storyspace ein Hypertext-Autorenwerkzeug erdacht und realisiert, mit dem bis heute viele gerade nicht für das Internet, sondern für offline-Lektüre gedachte Hypertexte verfasst werden. Auf einige Möglichkeiten, die Storyspace Autoren bietet, und die im "normalen" World Wide Web so nicht verfügbar sind, werde ich weiter unten noch kurz eingehen. Leider wird diese Datierung auf die Vierziger oder Sechziger meist von Menschen vertreten, die sich nicht die Mühe machen, genau zu sagen, was sie eigentlich unter einem Hypertext verstehen (wollen). Als sei das zweifelsfrei, und als sei völlig selbstverständlich, daß man ohne Computer auch keine Hypertexte herstellen oder rezipieren könnte.
Für meinen Beitrag habe ich ja schon eingangs klargestellt, daß ich mich nicht an irgendwelche Datentransportmechanismen binden werde in meinen Ausführungen, das überlasse ich den Informatikern. Schaut man im World Wide Web, diesem größten existierenden Hypertext (jedenfalls nach den meisten gängigen Definitionen dieses Begriffs), was für Begriffsfestlegungen sich da finden, so liefern die üblichen Suchmaschinen derzeit etwa 120.000 Treffer. Einige der solcherart gefundenen Definitionen möchte ich Ihnen hier vorlegen, ohne allerdings die jeweiligen Quellen im einzelnen umfassend würdigen zu können:Auf den Webseiten der Universität Oldenburg findet sich die Definition "Ein Hypertext/Hypermedia-Dokument besteht [...] aus einer Menge von Knoten und Kanten zwischen den Knoten." Soweit wäre das durchaus akzeptabel, nur leider fährt der Text fort: "Die Knoten repräsentieren Informationseinheiten." Das mag so sehen, wer die Verbindungen zwischen den Textblöcken als notwendiges Übel betrachtet. Ich meine aber, daß gerade in ihnen Information steckt, dazu werde ich später am Beispiel des am Karlsruher Studienzentrum Multimedia entstehenden Multimedialen Bildungswörterbuches noch einiges ausführen.
Frank Krüger schreibt, Hypertext sei "ein Datenbankmanagementsystem, das Verbindungen zwischen mit Information gefüllten Bildschirmseiten durch sog. associative links (assoziierende Kanten) herstellt; im weitestgehenden Fall ist es eine Softwareumgebung für gemeinsame Arbeit, Kommunikation und Wissenserwerb." Eine derartige Aussage ist keine Definition, bestenfalls eine Beschreibung bestimmter Formen von Hypertext, die sich heute neben anderen finden. Von "weitestgehende[m] Fall" zu sprechen ist anmaßend.Jakob Nielsen schreibt: "Man spricht nur dann von einem Hypertextsystem, wenn Benutzer interaktiv die Kontrolle über dynamische Verbindungen zwischen Informationsteilen übernehmen können." Hier wird also die Kontrolle des Lesers über das zu Lesende in den Mittelpunkt gestellt, und das Verhältnis des Lesers zu den "Verbindungen" wird thematisiert. Etwas älter ist das folgende Zitat von Kuhlen: "Die Grundidee von Hypertext besteht darin, daß informationelle Einheiten, in denen Objekte und Vorgänge des einschlägigen Weltausschnittes auf textuelle, graphische oder audiovisuelle Weise dargestellt werden, flexibel über Verknüpfungen manipuliert werden können." Er fordert also sogar die Manipulierbarkeit der "informationellen Einheiten", wohl nicht nur durch ihren ursprünglichen Verfasser. Noch eine Definition aus Technikersicht, die auch erfreulicherweise ganz ohne den Begriff "Computer" auskommt: "Ein Hypertext liegt bei einem Konstrukt aus n Knoten und m Kanten vor, wenn bei mindestens einem der Knoten eine Wahlmöglichkeit zwischen mindestens zwei Verknüpfungen zu anderen Knoten vorliegt. Damit gelten als minimale Randbedingungen, daß n>=3 und m>=2 ist. Dennoch wird aus praktischen Gesichtspunkten ein Hypertext erst dann konkret brauchbar (und kann als solcher bezeichnet werden), wenn reichhaltige Verknüpfungen dem Leser die Möglichkeit geben, die repräsentierten informationellen Einheiten flexibel zu manipulie-ren."
Bemerkenswert an dieser Definition ist, daß sie mindestens eine Wahlmöglichkeit fordert, also linear verknüpfte Ketten von Textblöcken ausschließt. Das ist bei eher technisch gehaltenen Definitionen die Ausnahme.Halten wir fest, daß von einem Hypertext verlangt wird, daß seine Teile aufeinander verweisen. Das ist nun freilich noch ziemlich mager - von welchem literarischen Text könnte man das nicht behaupten? Aber immerhin können wir schon festhalten, daß Verweise auf externe Texte offensichtlich nicht genügen, einen Text als Hypertext zu kategorisieren - jedenfalls, solange wir überhaupt einen wohldefinierten Textkorpus benennen können und die Trennung "intern" vs. "extern" prinzipiell funktioniert.Typische Beispiele für Hypertexte, ich sprach es schon an, finden sich etwa in den Textnetzen des World Wide Web. Oder bei Ihrem PC zuhause in den vernetzten Hilfetexten, die heute die meisten Programme mitbringen: Sie klicken in einem Hilfetext auf ein ausgezeichnetes Wort und erhalten einen neuen Text, der diesen Begriff zu erklären versucht.Was muß man nun von den textinternen Verweisen verlangen, um einen Text als Hypertext auszuzeichnen? Ich wehre mich mit Nachdruck gegen jeden Versuch, elektronische Rechen- oder Darstellungsmaschinen in eine Hypertextdefinition zu integrieren, wie dies nicht selten versucht wird. Es wäre ausgesprochen kurzsichtig, die in den letzten Jahrzehnten entwickelten Textverwaltungstechniken als notwendige Kriterien für eine Textgattung heranzuziehen - die rasante Entwicklung gerade in den Neunzigern bewies nur zu oft, wie schnell solche Kriterien veraltet sein können, noch bevor sie publiziert werden. Außerdem stellt ein solches Wildern in den Gefilden der Techniker letztlich ein frappierendes Armutszeugnis aus. Sollten wir Hypertexte wirklich nicht als Literaturwissenschaftler gegen andere Textsorten abgrenzen können? Müßte man dann nicht konsequenterweise aufhören, sie als eigenständige Erscheinungen zu untersuchen, wenn sie sich garnicht eindeutig von anderen Textsorten trennen ließen? Dann sollten wir wirklich die Finger von diesem Begriff lassen und Organisationen wie dem World-Wide-Web-Konsortium "w3c", das die "Hypertext Markup Language" (HTML) definiert und fortentwickelt, auch die Definition des Begriffs "Hypertext" als terminus technicus der Informationswissenschaft überlassen.
Das aus literaturwissenschaftlicher Sicht entscheidende dessen, was landläufig als Hypertext bezeichnet wird, das, was ein Hypertext mehr ist als ein konventioneller Text, ist der explizit formulierte Verweis aus einem Textblock in einen anderen. Der Autor hat auf eine noch zu untersuchende und zu charakterisierende Weise Teile seines Textsystems mit anderen Teilen, die nicht direkt linear auf erstere folgen, verbunden. Diese Verbindung kann für den Leser direkt sichtbar sein, sie kann aber auch nur auf Umwegen erschließbar oder überhaupt erfahrbar sein. Dabei sind diese Verbindungen wesentlicher Bestandteil des Hypertextes, die einzelnen Textblöcke sind nicht sinnvoll allein oder in linearer Abfolge konsumierbar. Diese Forderung ist wichtig, wenn wir eine Abgrenzung vornehmen wollen etwa zu Kalendern als Geschichtenträgern, als Medium für miteinander (und dem Kalendarium) vernetzte kurze Erzählungen. (Obwohl ein Vergleich von Kalendern mit Hypertexten auch ganz sicher eine sehr lohnende Angelegenheit wäre.) Die Frage, wie lang ein einzelnes Textelement sein darf, muß nicht in der Gattungsdefinition beantwortet werden. Denkbar wäre ein einziger langer Text, innerhalb dessen hin- und hergesprungen werden kann ebenso wie eine Sammlung winziger Schnipsel, kurzer Sätze oder gar einzelner Wörter oder Buchstabenfolgen, die miteinander verbunden sind. Ohne dies hier vertiefen zu wollen möchte ich darauf hinweisen, daß die Frage, wie umfangreich einzelne solche Textblöcke für bestimmte Absichten am besten angelegt werden, eine Frage ist, mit der sich etwa innerhalb des Virtuellen Hochschulverbunds Karlsruhe (ViKar) einige Arbeitsgruppen seit längerer Zeit beschäftigen. Für unsere Zwecke genügt aber die Feststellung, daß zu lange Textblöcke ihrerseits wieder wie linear aufgebauter Text gelesen werden, wodurch der Hypertext-Charakter eines Werkes unter Umständen fast verloren gehen kann.
Die Forderung, daß die Textteile nicht nur linear verbunden sein dürfen, wird, wie ich schon ansprach, von den technischen Definitionen meist nicht erhoben, praktisch ist es egal, ob aus einem Textblock nur ein "Ausgang" existiert oder mehrere, und in der Internet-Realität sind solche Textketten sogar sehr häufig anzutreffen. Zur literaturwissenschaftlichen Abgrenzung von Hypertexten gegen andere Textarten ist diese Forderung aber substantiell; sonst können Sie auch das Umblättern von Buchseiten als Sprung von Textblock zu Textblock deuten und jeden nicht auf Endlospapier geschriebenen Text als Hypertext bezeichnen.Eine Verbindung zweier Hypertext-Fragmente hat folgende notwendigen Eigenschaften: Erstens ein klar definiertes Ziel - der Setzer der Verbindung muß exakt angeben, welche Stelle welches Textblocks "auf den Schirm" geholt werden soll. Ein "wie ich noch ausführen werde" oder "der Beweis findet sich in Kapitel 7" oder das biblische "Euch ist gesagt worden" genügt nicht mehr. Es muß der Darstellungstechnik auf den Buchstaben genau gesagt werden, was sie darstellen soll.
Zweitens müssen die Umstände benannt werden, die die Verbindung "auslösen", die also dazu führen sollen, daß das Ziel der Verbindung angezeigt wird. Zum Ziel: Im einfachsten Fall handelt es sich hier um die statische Benennung eines Textstücks, etwa durch Angabe eines Dateinamens oder eines Datenbankeintrags (Nichts anderes ist ein Dateiname letztlich ja), möglicherweise ergänzt um eine Stelle in diesem Textstück, die in der Bildschirmmitte oder meinetwegen der linken oberen Ecke des Bildschirms angeordnet werden soll. Das ist die "klassische" Form etwa eines Links im World Wide Web. Die Angabe des Ziels kann aber auch beliebig komplex gestaltet sein, schließlich sitzt der Leser an einer Rechenmaschine.Der Verbindungs-Setzer kann je nach verfügbarer Technik die verschiedensten Informationen dazu verwenden, durch einen von ihm definierten Algorithmus "zur Laufzeit", also während des Lesevorgangs, ein Ziel der erstgenannten Art zu benennen - feststehen muß der Zieltext ja erst, wenn er tatsächlich am Bildschirm angezeigt werden soll. Ein noch relativ einfaches Beispiel hierfür bietet das schon angesprochene Autorenwerkzeug Storyspace, das dem Autor Informationen darüber zur Verfügung stellt, welche Textblöcke der Leser bereits "besucht" hat, so daß bestimmte Verbindungen je nach dem Informationsstand des Lesers verschiedene Ziele haben können. (Es lassen sich insbesondere auch Verbindungen definieren, die überhaupt erst funktionieren, also ein Ziel besitzen, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Die Geschichte geht sozusagen erst weiter, wenn Sie bestimmte andere Teile der Geschichte gelesen haben.)Hier sind der Phantasie des Autors fast keine Grenzen gesetzt, wenn man von einem idealen Autorenwerkzeug (und einer idealen Lese-Maschine) ausgeht. Je nach Uhrzeit, Witterung oder geographischer Position des Lesers könnten verschiedene Textstücke erscheinen, es könnte das Geschlecht des Lesers ebenso berücksichtigt werden wie seine Haar- oder Augenfarbe oder meinetwegen seine Schulbildung. Jede Information, die dem Lese-Programm, also dem Mittler zwischen dem Leser und den vom Autor gefertigten Textstücken, zur Verfügung steht, kann vom Verbindungs-Setzer zur Benennung des Ziels verwendet werden.
Nicht vergessen werden soll natürlich auch die Möglichkeit, den "Zufallsgenerator" des Rechners zur Zielbenennung heranzuziehen und alleine hierdurch bei jedem neuen Lesen dem Rezipienten neue Textverbindungen vorzusetzen.Ich möchte noch auf ein weiteres aufmerksam machen: Es sollte auf keinen Fall vorausgesetzt werden, daß der Ziel-Textblock vor dem Zeitpunkt seiner Darstellung überhaupt in der Form, in der er dargestellt werden wird, existiert. Es sind beliebig komplexe Vorgänge denkbar, an deren Ende dann "ein Bildschirm voll Text" steht. Wir können heute nicht wissen, nicht einmal erahnen, was die Informatik den Autoren hier noch an Möglichkeiten zur Verfügung stellen wird - wenn sie sie denn zu nutzen verstehen. Warum sollte ein Werk nicht daraus, wie es bisher gelesen wurde, lernen für seine künftigen Präsentationen? Warum sollte es nicht wie jeder gute Erzähler oder Vorleser aus den Reaktionen seines Auditoriums für künftige Auftritte lernen können?Als weiteres kleines Phantasiebeispiel möchte ich Sie bitten, sich einen Text vorzustellen, an dem von verschiedensten Menschen gleichzeitig gelesen und geschrieben wird, so daß also zu keinem Zeitpunkt der genaue Ablauf einer Lese-Reise auch nur für wenige Minuten vorhergesagt und sichergestellt werden könnte, weil noch während des Lesens andere diese Textblöcke verändern. - Das gibt es schon, es nennt sich World Wide Web.
Diese neuen Möglichkeiten des Autors führen auf Seite des Literaturwissenschaftlers zu Verzweiflung und Frustration, sobald man eine Passage nachprüfbar zitieren möchte. Wenn der Autor zu seinen Textschnipseln nicht einen gesonderten, indizierten oder sonstwie geordneten Zugang anbietet, müßte versucht werden, alle vom Darstellungsprogramm ausgewerteten Informationen zu protokollieren, inklusive des kompletten Leseweges zum fraglichen Textstück. So dies überhaupt möglich ist, ist es oft für den Leser des Sekundärtextes nicht sonderlich hilfreich, da er dem Darstellungsprogramm meist nicht seinerseits alle erforderlichen Informationen zur Verfügung stellen und so das Textstück wieder auf den Schirm holen kann (oder wie soll er Informationen wie Geschlecht, Hautfarbe oder Luftfeuchtigkeit manipulieren?). Man wird daher in aller Regel auf den Nachvollzug von Zitaten verzichten müssen. Noch extremer gilt das, wenn nicht Knoten, sondern Verbindungen zitiert werden sollen: Unter welchen Bedingungen eine Verbindung ausgelöst wird und was sie dann darstellt, ist in aller Regel für den "normalen" Anwender unsichtbar und nur experimentell (und damit höchst zweifelhaft) zu erschließen.Sehr aktuell stellt sich dieses Problem bei Zitaten aus dem Internet: Es hat sich als quasi-Standard herausgebildet, die Internetadresse (Uniform Ressource Locator, URL) zusammen mit Datum und Zeit zu benennen. Dies genügt meist, aber bei weitem nicht immer: Das technische Protokoll für die Übertragung von Webseiten vom Server zum Betrachtungsprogramm (dem sogenannten "Client") sieht vor, daß der Client unter anderem seine eigene Adresse und die eingesetzte Software (also etwa Netscape oder Internet Explorer) preisgibt. Und selbstverständlich kann der Server abhängig von diesen Informationen verschiedene Webseiten übertragen. (Sinnvoll ist dies etwa, wenn graphikfähige Browser von Textbrowsern wie lynx oder w3m unterschieden werden.) Noch extremer: Der Client übermittelt sogar die Sprachen, die sein Benutzer versteht, so daß der Server passende Übersetzungen auswählen kann.
Ich bin mir grade selbst untreu geworden, indem ich geflissentlich voraussetzte, der Leser säße "an einer Rechenmaschine". Genau gegen diese Prämisse hatte ich mich ja eingangs explizit verwahrt. Ohne meinen späteren Ausführungen zur Freiheit des Lesers vorgreifen zu wollen, kann man hier bereits festhalten, daß ein Computer als aktives Gegenüber, das vom Autor programmierte Befehlssequenzen auszuführen imstande ist und solcherart den Autor in meinen Leseprozeß eingreifen läßt, mir in einer gewissen eingeschränkten Weise sozusagen den Autor gegenübersetzt, etwas ist, was das Buch so nicht kannte. Hypertexte in Buchform (im Sinne unserer Hypertext-Definition) kamen nicht umhin, alle Ziele, zu denen man aus dem gerade aktuellen Textblock gelangen konnte, aufzulisten - als Seitenzahl, zusammen mit irgendwelchen Entscheidungskriterien für den Leser, welcher Verbindung er folgen möchte. (Als banales Beispiel möchte ich an konventionelle Lexika mit ihrer Verweisstruktur erinnern.) Verweisstrukturen oder gar Textblöcke, die erst während des Lesens Gestalt annehmen (und dabei Informationen über Leser, Leseprozeß oder die sonstige Umwelt verarbeiten), sind so nicht druckbar. Viel eher läßt sich ein EDV-gestützter Hypertext vergleichen mit mündlichem Erzählen, wo eben auch der Erzähler dem Hörer gegenübersitzt und auf alles, was er vom Hörer weiß, erfährt oder wahrnimmt, eingehen kann im Fortgang seiner Erzählung. Wenn man so will, stehen wir also nicht nur am Ende der Gutenberg-Galaxis, sondern überhaupt am Ende des schriftlich fixierten und "verbindlich" plattgedrückten Textes, egal, wie der Text nun vervielfältigt wird oder wurde. (Oder wer wollte heute noch seine Telephonnummern-CD oder gar das Internet-Telephonverzeichnis gegen ein gedrucktes Telephonbuch eintauschen, wenn er ohnehin den ganzen Tag an einem Bildschirmarbeitsplatz sitzt?)
Noch einmal möchte ich aber davor warnen, die von den heutigen Rechnern zufällig realisierten Möglichkeiten für irgendeine Definition oder thematische Abgrenzung zu verwenden. Dies hieße, sich selbst Scheuklappen anzulegen und Theorien zu bilden, die in wenigen Jahren bestenfalls noch Historiker interessieren können. Gehen wir lieber davon aus, daß der Autor beim Anlegen einer Verbindung beliebig komplexe Informationen zur Definition des Zieles, also dessen, was nach Auslösung des Verweises dem Leser vorgesetzt werden soll, verwenden kann. Nun aber zur zweiten Hälfte der Verbindung, zu den auslösenden Bedingungen: Im einfachsten (und derzeit bei weitem häufigsten) Fall wird einer Verbindung gefolgt, indem der Leser auf einen genau definierten, oft farblich oder durch Unterstreichung hervorgehobenen Bereich des Textes "klickt", also einen (Maus-)Zeiger auf die Stelle bewegt und eine Taste betätigt. Viele von Ihnen werden diese Textverbindungen wiederum aus dem World Wide Web kennen.Eigentlich kann aber - wie schon bei der Benennung des Ziels - hier alles einfließen, was das Textdarstellungsgerät an Informationen über den Leser oder die Welt dem Autor zur Verfügung stellen kann. Je leistungsfähiger unsere Autorenwerkzeuge und unsere Computer werden, desto komplexer können auch die Absprungbedingungen ausfallen, die der Autor vorgibt. Bestimmte Regungen des Lesers - vom Augenbrauenhochziehen bis zur Eingabe eigener Textstücke über Tastatur oder Mikrophon - könnten ebenso einen "Sprung" auslösen wie die vergehende Zeit.Wobei das mit der vergehenden Zeit so eine Sache ist, denn die hat es nunmal an sich, linear zu verstreichen.
Oliver Gassner hat zum Beispiel mit "noise 99" ein Kunstwerk vorgelegt, in dem in vier verschiedenen, farblich unterschiedenen Feldern vier voneinander getrennte und doch aufeinander bezogene Texte gewissermaßen mit der Zeit "ablaufen". Während im Feld rechts unten nur drei Punkte stehen, läuft links oben ein Art literarisches Selbstgespräch ab, darunter folgen Zitate aus E-Mails aufeinander, und rechts oben finden sich bruchstückhafte Überlegungen zum Thema Netzliteratur. Das ist zwar ein interessanter Einsatz hypertexttypischer Werkzeuge (HTML, Links, Textblöcke), und es ist auch ein Umgang mit Text, der im gedruckten Buch so nicht möglich war. Hypertext nach unserer Definition ist es aber dennoch nicht. Die Zeit kann, genau besehen, nur genutzt werden, das Ziel einer Verbindung zu modifizieren (so daß etwa zögerlichen Lesern andere Texte präsentiert werden als Schnellklickern), als Auslöser für eine Verbindung taugt die Zeit nicht. Jedenfalls nicht, wenn es um "Hyperstrukturen" geht. Natürlich müssen nicht alle Textwechsel in einem Hypertext als Hypertext-Verweise ausgeführt sein, selbstverständlich können längere lineare Teilstücke ebenso vorkommen wie eben zeitabhängig ausgelöste Verbindungen. Nur sind diese eben nicht signifikant für die Charakterisierung eines Werkes als Hypertext.Aber außer den Reaktionen des Lesers können auch beliebig komplexe Vorgänge inner- oder außerhalb halb der Textpräsentationsmaschine Sprünge auslösen. Ein radikaler Unterschied zu bisherigen Texten, das sprach ich schon bei den Sprungzielen an, besteht in der potentiellen Nichtmehrdurchschaubarkeit des Gesamtwerks für den Leser. Hierauf werde ich auch nachher zurückkommen, wenn wir nach der "Freiheit des Lesers" fragen werden. Im Gegensatz zu Textfragmenten, die gewissermaßen offen daliegen und sich einer Analyse stellen, sind die hypertextuellen Verweise dem Rezipienten gerade nicht direkt und unmittelbar zugänglich, wenn der Autor dies nicht wünscht. Einen buchförmigen Hypertext können Sie auf Karteikarten schreiben und diese entsprechend den Verweisen mit Fäden zu einer Art Mobile verknüpfen. Bei einem Hypertext, dessen Autor seine Anweisungen an das Darstellungsgerät nicht offenlegt, können Sie bei entsprechender Komplexität jahrzehntelang "lesen", ohne diesen zweiten Teil des Werkes, die Methoden der Textverknüpfung, vollständig zu durchschauen. Ein Beispiel, das unseren selbstgewählten Rahmen der schriftbasierten Kunstwerke sprengt, sind Computerspiele. Auch hier wird auf höchst komplexe Weise bestimmt, was auf dem "nächsten" Bildschirm zu sehen sein wird, auch hier sind die "Absprungbedingungen" oft für den Rezipienten nicht vollständig durchschaubar. Virtuelle Wesen, die sich in anderen Hypermediabereichen bewegen, können ebenso Auswirkungen auf den dem Spieler angebotenen Hypermediaausschnitt haben wie andere, real vorhandene Mitspieler und deren Spielverhalten.Aber stellen wir uns das ruhig mal in unserer Welt der Hyper-Texte vor: Sie beginnen, einen Hypertextroman zu lesen, und gleichzeitig läßt Ihr Computer (pseudo-) zufallsgesteuert irgendwelche Wesen durch andere Text-Räume wandern, außerdem wird der Text vielleicht noch von anderen Lesern zur gleichen Zeit rezipiert. Erst, wenn Sie einer Verbindung folgen, die Sie in einen Textbereich bringt, in dem sich ein solches virtuelles Wesen oder ein anderer Mit-Leser gerade befindet, flicht der Computer es an dieser Stelle in den für Sie lesbaren Text in irgendeiner Weise ein (wobei wiedermal der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind, was uns die Informatik hier noch an Möglichkeiten zur Verfügung stellen wird). Auch dies gibt es schon seit über 10 Jahren im Internet unter der Bezeichnung "Multi User Dungeons, MUDs". (Für die Kenner: Es handelt sich hier meist um telnet-basierte Textspiele, wobei die besten Spieler das Spiel selbst fortschreiben, indem sie neue Wesen, Räume, Aufgaben usw. definieren.)
Eine Grenze will ich hier nur kurz beleuchten: Das Beispiel der Computerspiele wirft die Frage auf, ob nicht die Verbindungen so schnell aufeinander folgen können, daß das dem Leser Dargebotene zu einer Art Film verschmilzt, in dem für den Leser die einzelnen (Text-)Blöcke nicht mehr als disjunkte Entitäten wahrzunehmen sind. Wir sahen oben schon, daß die Zeit aufgrund ihrer Linearität nur bei der Auswahl oder Schaffung des Sprungziels nützt, nicht als Auslöser des eigentlichen Sprungs. Allerdings haben wir ja andere Auslöser zugelassen, die durchaus zeitgebunden sind, etwa das Verhalten andererLeser oder Schreiber. In einem gemeinsamen Online-Schreibprojekt, wie es zum Beispiel im "Netz der Netze" im sogenannten Internet Relay Chat (IRC) zu jeder Tages- und Nachtzeit zigtausendfach stattfindet, kann genau dies zum zentralen Problem werden: Je mehr Teilnehmer zur gleichen Zeit den gleichen Text fortschreiben, desto schneller müssen sie selbst (und ggf. ihre Echtzeit-Mitleser) auch in diesem Text lesen und seine Struktur erfassen, also registrieren, welcher Beitrag sich überhaupt auf welchen "Vorredner" bezieht. Aber wie gesagt, dies zu vertiefen hieße, einen eigenständigen Abend zu füllen.Damit scheint mir nun aber endgültig alles notwendige an Grundlagen über Hypertexte und ihre prinzipiellen Möglichkeiten, über die sie charakterisierenden Verweise und deren Gliederung in ein Ziel und auslösende Bedingungen gesagt, so daß wir uns nun endlich der Frage im Titel meines Referates nach der "Freiheit des Lesers" zuwenden zu können. Der Besucher einer Theateraufführung hat im allgemeinen keinerlei Einfluß auf das gespielte Stück. Weder auf die Geschwindigkeit der Aufführung noch gar auf den Verlauf. Was der Autor an Freiheiten ließ, fiel an den Regisseur und die Darsteller, die zumindest im Prinzip in den Aufführungen doch noch etwas auf das Publikum und seine Reaktionen eingehen "könnten", was aber im seltensten Fall merklich geschieht (allein schon aus praktischen Gründen, der Schauspieler sieht ja aufgrund der Beleuchtungsverhältnisse sein Publikum in aller Regel fast nicht).Beim Besuch einer heutigen Filmvorführung, also eines Tonfilms ohne irgendeine "Live-Performance", fällt selbst diese letzte marginale Form der Interaktion noch weg, der Besucher kann sich (beinahe) gebärden, wie er will - der Film wird sich dadurch nicht beeindrucken lassen und in stets gleicher Weise ablaufen. (Gleiches gilt selbstverständlich für Fernsehaufführungen, wie sie heute (noch?) üblich sind.) Sieht man mal von der Möglichkeit des "Wegsehens" ab, habe ich mich beim Theaterbesuch oder einer Filmvorführung hinsichtlich der Reihenfolge und Geschwindigkeit des mir Dargebotenen völlig in fremde Hände begeben. Es findet keinerlei Interaktion statt; die Darbietung ist vollständig linear. Mit "Hyper" haben wir es hier in keiner Weise zu tun. Ein bißchen besser hat es da der Besitzer einer eigenen Abspieleinrichtung, sei es nun eines Videorekorders oder eines Filmprojektors. Hier kann wenigstens innegehalten werden, wenn dem Rezipienten danach ist. Und es kann vor- und vor allem zurückgespult werden. Wenn auch das Werk eine lineare Angelegenheit bleibt (augenfällig in der Film- oder Bandrolle dargestellt), so kann der Rezipient sich doch wenigstens längs der "Laufzeit" mit selbstgewählter Geschwindigkeit vor- und zurückbewegen. In den gleichzeitigen Genuß von Bild und Ton kommt man in allerdings meistens nur, wenn man die bei der Produktion vorgesehene Ablaufgeschwindigkeit einhält. Noch mehr Freiheit hat der Leser eines Buches. Zur Möglichkeit des Vor- und Zurückblätterns kommt hier die absolute Freiheit über die Lesegeschwindigkeit. Praktisch kein Buch versucht, seinen Leser in dieser Hinsicht zu bevormunden. Eine größere Freiheit als ein Textleser hat kein anderer Rezipient. Der Schreiber eines Buches gibt jeden Einfluß auf den eigentlichen Lesevorgang auf, was so weder von Film- noch von Theaterschaffenden verlangt wird.Eine Zwischenstellung nehmen noch mündliche Erzählungen oder Theaterdarbietungen bei sehr kleinem Zuschauerkreis ein, denn hier bleibt der Rezipient zwar dem Angebot der Schauspieler und Erzähler unterworfen, was Gegenstand, Reihenfolge und Tempo angeht - insofern fällt diese Form hinter das Buch zurück. Auf der anderen Seite aber besteht für die Hörer die Möglichkeit, mit-lenkend in den Vortrag einzugreifen. Sie können nachfragen, können bitten, bestimmte Aspekte breiter auszuführen oder Teile zu wiederholen. Je nach der Kunstfertigkeit des oder der Referenten können sie sogar bitten, dem Schicksal bestimmter Handelnder zu folgen und so nachdrücklich Einfluß auf den Fortgang der Erzählung nehmen. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Michael Ende hätte aus seiner "Unendlichen Geschichte" einem Kreis aufgeweckter Kinder vorgetragen. Immer wieder wird in diesem Buch ein Erzählstrang abgerissen mit dem Kommentar "aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden". Glauben Sie wirklich, er wäre damit bei einem entsprechenden Auditorium durchgekommen? Ist es nicht viel wahrscheinlicher, daß er sich im Dialog mit den jungen Hörern weit von seiner ursprünglichen Geschichte entfernt und ganz andere Begebenheiten erzählt hätte? Die Adaption kann aber noch viel weiter gehen. Ein guter Erzähler merkt, wie sein Auditorium auf seinen Sprachstil reagiert und passt ggf. seine Rhetorik seiner Hörerschaft an. Selbstverständlich kann er die ganze Bandbreite der oben genannten Indizien, vom Wetter über das Geschlecht oder die Haarfarbe(n) der Lauschenden bis zur Tagespolitik in seine Darbietung einbauen, wenn seine Kunstfertigkeit ihm dies erlaubt. Um ein meist literarisch wenig anspruchsvolles Beispiel zu bemühen: Gutenachtgeschichten für kleine Kinder werden nicht selten von den erzählenden Eltern aus ihren Erfahrungen und der augenblicklichen Beobachtung so gestaltet, daß das Kind möglichst schnell in einen möglichst ruhigen Schlaf sinkt. Mündliche Darbietungen vor kleinem Kreis bieten sich also noch am ehesten für einen Vergleich mit Hypertexten an. Allerdings gibt es hier offenkundig einige sehr wesentliche Unterschiede: Da der Hypertextautor sich im Moment der Lektüre durch die Präsentationsmaschine und -programme gewissermaßen "vertreten" läßt und selbst nicht direkt mit dem Rezipienten kommuniziert, sind seine Möglichkeiten, auf Anregungen des Rezipienten einzugehen, unendlich geringer als die eines Schauspielers oder Erzählers. Selbst, wenn er nicht alle Textfragmente und ihre Verknüpfungen vorher exakt definiert hat, selbst, wenn also auf irgendeine Weise das Werk auf den Leser "reagiert", so folgt es hier doch Algorithmen, die der Autor zuvor mathematisch exakt der Maschine mitgeteilt haben muß. Von Computern mit der Kreativität eines Künstlers sind wir noch sehr weit entfernt, und es ist fraglich, ob wir je dorthin kommen werden (und noch fraglicher, was ggf. dann die Rolle des menschlichen Autors sein wird). Einen Sonderfall stellen hier wieder jene Hypertexte dar, an denen von verschiedener Seite gleichzeitig gelesen und geschrieben wird. Hier ist tatsächlich die direkte (im Vergleich zur oralen Tradition allerdings immer langsame) Kommunikation zwischen Autor und Rezipient (oder zwischen den Autoren) möglich. In welcher Weise und in welchem Umfang sie sich tatsächlich ereignet, hängt (wiedermal) fast nur vom Autor ab. Viele Tagebücher können mittlerweile im Web sozusagen tagesaktuell mitgelesen und kommentiert werden, einige Autoren lassen sich gar bei der Entstehung eines konventionellen Romans über die virtuelle Schulter blicken und setzen ihre Arbeit permanent der Kritik der Leser aus - in der Softwarebranche spräche man von Beta-Testern, die dem Autor während seiner Arbeit ein direktes Feedback liefern. Welche Auswirkungen solche Vorgehensweisen auf das "Endprodukt" haben, ist noch weitgehend unerforscht. Ob es überhaupt stets zu einem Endprodukt kommen muß oder ob nicht der Entstehungsprozeß an sich das eigentlich interessante Werk darstellt, wäre ebenfalls zu diskutieren. In jedem Falle sind dank der Neuen Medien solche Verfahren heute mit deutlich weniger Aufwand und deutlich größerem "Publikum" möglich als in früherer Zeit, wenn sie auch in der Substanz nichts wirklich neues bieten.Wo allerdings gar - wie im Internet-"Chat" oder in den schon erwähnten Multi User Dungeons - die Grenze zwischen Lesern und Autoren verschwindet, findet eine Form von Kommunikation statt, die dem unvermittelten, direkten zwischenmenschlichen Gespräch in fast nichts mehr nachsteht, und die seit Beginn der Schriftkultur für nahezu unüberwindlich gehaltene Grenze zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit versinkt gewissermaßen im Kabelgewirr der vernetzten Tastaturen.Auf der anderen Seite präsentiert sich ein Hypertext für den Leser auch in gewisser Weise als zu ergründendes "Etwas", und wir sind versucht, mit dem Werk zu ringen, bis es uns möglichst viel von seiner Struktur, möglichst viele seiner Textblöcke und Verbindungswegegezeigt hat. Wir wollen vollständig erkunden, was sich alles "in" dem Hypertext verbirgt.
Ein solches Verhalten ist gegenüber einem menschlichen Erzähler natürlich aus guten Gründen unüblich, wenn es auch gerade bei den schon erwähnten aufgeweckten Kindern als Zuhörern durchaus vorkommen kann, meist dann allerdings sehr zum Leidwesen des Erzählenden.Entscheidender Unterschied zwischen der Rezeption eines Hypertextes und dem aufmerksamen und kritischen Lauschen auf einen Erzähler ist also, daß beim Hypertext der Verfasser die Verbindungen vorgibt - in welcher Form auch immer -, während bei der erzählenden oder spielerischen Darbietung in hinreichend kleinem Kreis der Hörer von sich aus aktiv werden und den Akteur unterbrechen kann. Dieser echte Dialog innerhalb des Werkes existiert nur, wo sich Menschen unvermittelt gegenüberstehen. Die im Titel meines Referates erfragte "Freiheit des Lesers" beschränkt sich bei Hypertexten darauf, vorher angelegten und vom Autor gewissermaßen ausgetretenen Pfaden zu folgen, während der Hörer in ganz anderer Weise selbst interagieren und tatsächlich auf den Verlauf einer Geschichte Einfluß nehmen kann. Dies ist wohlgemerkt nicht nur eine Einschränkung für die Rezeption, sondern auch für die Abfassung des Werkes.Wenn der Autor eines Hypertextromans keine Textstelle vorsieht, in der der Protagonist den Heldentod stirbt, dann bleibt er eben am Leben. Egal, wie oft Sie den Roman "anders" zu lesen versuchen, egal, wie frei Sie sich im Text bewegen können. Wenn der Autor Ihnen dagegen seine Geschichte mündlich erzählt, können Sie ihn unterbrechen und fragen, was wäre, wenn. Entgegen anderslautender Parolen ist also auch im Hypertext der autonome Autor, der sich von nichts und niemandem in seiner Geschichte beeinflussen lassen muß (und das auch garnicht könnte, selbst wenn er wollte), nach wie vor allgegenwärtig. Was er nicht will (oder was ihm nicht einfällt!), geschieht auch nicht. Der Leser bewegt sich notgedrungen stets innerhalb des vom Autor vorgegebenen Horizonts, darin aber unter Umständen viel freier als im konventionellen Buch. Je nach Horizont von Autor und Leser mag man das als empfindliche Beschneidung oder als interessante Bereicherung sehen.
Der Hypertextleser hat also die "Freiheit", sich innerhalb des vom Autor vorgegebenen Streckennetzes zu bewegen und an vom Autor vorgesehenen Abzweigungen Text-Auswahlen zu treffen, also zu entscheiden, was er als nächstes lesen will und was nicht. Der Leser eines linear strukturierten Textes verläßt sich dagegen auf die Konvention, wonach er alle Teile des Werkes gesehen hat, wenn er es einmal "von links oben nach rechts unten" durchgelesen hat. Diese Gewißheit lassen nur die wenigsten Hypertext-Autoren ihren Lesern (Peter Glaser bietet in seinem Hypertext "Licht, Berlin" zum Beispiel verschiedenartig sortierte Direktzugriffe auf alle verarbeiteten Textfragmente). Die neugewonnene vermeintliche Freiheit des Lesers wird also zunächst einmal durch Orientierungslosig-keit, Unübersichtlichkeit, ja Unübersehbarkeit des Textes und, daraus resultierend, Unvollständigkeit der Lektüre konstruiert. "Verloren im Karteikasten" oder "lost in cyberspace", wenn Sie so wollen. Die "Freiheit" reduziert sich auf die Pflicht, Entscheidungen zu treffen, deren Konsequenzen unabsehbar sind, sich also dem Spiel des Autors noch viel mehr zu überantworten als dies vom Leser eines linearen Textes je erwartet würde, denn dieser kann doch wenigstens Passagen überblättern oder "querlesen", wenn sie ihm nicht gefallen, wenn er sich und seine Zeit dem Autor an dieser Stelle nicht anvertrauen möchte. (Oder wie sollte man in einem Hypertext zehn Seiten am Stück "vor"blättern?) Diese Verpflichtung zum aktiven Eingreifen auf jeder einzelnen Bildschirmseite macht nur zu oft die Lektüre eines Hypertextes zu einem anstrengenden und mitunter geradezu nervtötenden Unterfangen. Daß man sich von einem Hypertext nicht "berieseln" lassen kann wie von einem billigen Kriminalroman oder einer Fernsehserie, ist ja noch unproblematisch für den interessierten Leser. Wenn er aber buchstäblich auf jeder Seite irgendwelche Aktionen ausführen soll, die ihn auf für ihn in aller Regel nicht nachvollziehbare Weise auf ein neues Stück Text setzen, dann führt dies sehr schnell zu Ermüdungserscheinungen, wie alle Untersuchungen zur Internetlektüre bislang belegten.
Daß kein Hypertext im Sinne unserer Definition ohne einen aktiv eingreifenden Leser auskommt, daß das Werk in keinem Fall auch einfach linear konsumiert werden kann, stellt natürlich einen weiteren eklatanten Unterschied zur mündlichen Erzählung oder Vorführung dar, bei der der Rezipient eingreifen kann, aber nicht muß. Kein anderes heute verbreitetes Medium erzwingt einen derart aktiven Leser.Bisher haben wir die Verbindungen zwischen den Textteilen, die wir als Wesensmerkmal von Hypertexten ausmachten, stets aus Sicht eines sich von Textblock zu Textblock hangelnden Lesers betrachtet, der einer fortlaufenden Geschichte zu folgen versucht. Gehen von einem Textblock mehr als eine Verbindung ab, so entspricht das gewissermaßen einer Weggabelung, und der Leser muß sich (wenn der Autor ihm die Verbindungen anzeigt) entscheiden. Ein wichtiges Merkmal, anhand dessen sich diese Art von Hypertexten charakterisieren und ordnen läßt, sind die Freiheitsgrade, die der Autor seinen Lesern lässt: Wie genau gibt er den Handlungsablauf vor, wie sehr wacht er über den verschiedenen möglichen Ausgängen der Erzählung (so vorhanden). Beschränkt sich die Freiheit des Lesers darauf, einzelne Aspekte mehr oder weniger ausführlich zu erfahren (oder aus einer wählbaren Perspektive etc.), oder kann er tatsächlich durch seine Aktionen eingreifen in den Ablauf der Handlung, in die erzählten Vorgänge. Wählt er nur aus vom Autor vorgedachten und -gezeichneten Alternativen, oder entwickelt sich eine interaktive Geschichte, die in ihrem konkreten Verlauf so auch vom Autor nicht gedacht war? Wie weit tritt der Leser tatsächlich aus seiner passiven Rolle heraus und wird zum aktiven Mitgestalter des von ihm gelesenen Textes?In dieser Hinsicht tritt der Hypertext aus der Verbindungslinie zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit in eine weitere, bisher so nicht gekannte Dimension, der Leser wird zum (Nach-)Spieler im Text, er führt im Gegensatz zum Hörer keinen Dialog mit dem Autor, sondern eine Auseinandersetzung mit dem Werk selbst. Der Autor hat auf diese Auseinandersetzung keinen Einfluß mehr, er hat nur die Regeln festgelegt, denen das Spiel des Lesers folgt. Im schlichtesten Fall hat er "seine" Erzählung in der Hypertextstruktur verborgen, im weitesten Fall bietet er dem Leser nur eine Art "Set", ein Sortiment von Personen, Situationen und so weiter, aus dem sich dann eine Geschichte entwickelt bzw. vom Leser (der diese Bezeichnung eigentlich garnicht mehr verdient) entwickelt wird. Wenn man so will, kann der Leser in einer sehr eingeschränkten und vom Autor des Hypertextes vorgegebenen Form selbst zum Autor werden. Wer nun an ein Kind erinnert wird, das aus Bauklötzen oder einem Modellbaukasten Häuser und Dinge erschafft, die sich die Gestalter der Spielzeuge nicht träumen ließen, der übersieht eine entscheidende Einschränkung des Lesers: Das Kind (oder der erwachsene Spieler) übersieht alle seine Klötzchen, bevor es sie kombiniert. In willentlicher Gestaltungsabsicht verbindet es vorgegebene Komponenten zu einem Ganzen. Der Leser ist ungleich schlechter dran, jedenfalls die ersten paar hundert Mal, die er den Hypertext zu lesen versucht. Bevor er einem Verweis folgt, kennt er den neuen Textblock nicht, der sich dahinter verbirgt. Zwar mag er aus der Anlage des Verweises (etwa, welches Wort anzuklicken ist) Rückschlüsse ziehen, doch beweisen auch die wenigen schon existierenden literarischen Hypertexte, daß sich genau das Spiel mit diesen Leserannahmen als wesentliches Stilmittel des Hypertextautors etabliert - die Möglichkeiten, durch entsprechende Verweissetzungen einzelne Wörter ebenso wie ganze Passagen zu verfremden und zu brechen, liegt ja auf der Hand. Nicht nur also, daß die "Bauklötze" in ihren möglichen Kombinationen bereits eingeschränkt sind durch die Frage, wo und wie Verweise gesetzt wurden, der Leser befindet sich zudem stets in der Situation eines Kindes mit einer Taschenlampe mit sehr begrenztem Fokus, das nur wenige Bausteine gleichzeitig sehen kann und doch versuchen möchte, mit deutlich mehr als den sichtbaren ein Werk zusammenzubauen.
Der Leser ist also dem Autor eines Hypertextes grade so hilflos ausgeliefert wie dem Autor eines konventionellen Textes. Die scheinbare Freiheit, vom Autor nicht erahnte Wege zu beschreiten, entlarvt sich angesichts der Unüberschaubarkeit des Textgewebes als purer Hohn, der über kurz oder lang das Lesevergnügen zu einer ausgesprochen frustrierenden Angelegenheit macht, wenn man tatsächlich mit dem Anspruch, aktiver Mit-Schöpfer zu sein, angetreten ist. Der einzig mögliche Umgang mit Hypertexten ist ein spielerischer, ohne unmittelbare gestalterische Absichten. Bemerkenswerterweise sind die einzige offenkundige Ausnahme von dieser Feststellung gerade die sogenannten Computerspiele, denn hier ist es gängige Praxis, daß der Spieler einen bestimmten Verlauf der Handlung vor Augen hat und versucht, diesen im konkreten Spiel nachzuvollziehen. Der Spieler wird, um dieses Ziel zu erreichen, notfalls viele hundert Male das Spiel neu beginnen und viele Tage damit verbringen, seine Geschichte so zu erzählen, wie er sie sich ausgedacht hat. (Und wenn's ein "gutes" Spiel ist, kommt tatsächlich eine Geschichte dabei raus, die den Spielautoren so nicht notwendig bekannt war.)Wenn dem Leser also gar kein anderes Leseverhalten als ein spielerischer Umgang mit den Textstücken (und ihren Verbindungen) bleibt, dann wird es für Autoren und Leser fruchtbar sein, mit dieser Erkenntnis auch wirklich ernst zu machen und für ein derartiges Leseverhalten zu schreiben beziehungsweise ein solches Leseverhalten auch kompromißlos umzusetzen und sich von ungerechtfertigten, konventionellen Erwartungen an Hypertexte von vorneherein freizumachen.
Angemessenes Hypertext-Leseverhalten entspricht also eher einem tänzelnden Vor-und-zurück als der zielgerichteten Verfolgung eines Pfades. Auch das ist eine Erkenntnis, die vielen von Ihnen wohl schon aus dem WWW vertraut ist. Als Beispiel, das diese Erkenntnis umzusetzen versucht, möchte ich das Multimediale Wörterbuch Deutscher Bildungsbegriffe anführen, an dem das Studienzentrum Multimedia der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften (SZM) der Universität Karlsruhe (TH) unter Leitung von Herrn Prof. Thum seit etwa drei Jahren arbeitet: Dieses Wörterbuch richtet sich etwa an einen Deutschlerner in Australien, der bei der Lektüre eines Gedichts auf den Begriff "Rhein" stößt. Er sucht nun nicht die üblichen Lexikoneinträge zum Rhein, Fischbestand, Breite und Länge sind vermutlich wenig wichtig für das Verständnis des Gedichtes. Er möchte sich stattdessen einen Eindruck davon verschaffen, was der Begriff "Rhein" bei einem heute lebenden durchschnittlich gebildeten Deutschen für Assoziationen und Konnotationen auslöst, woran ein deutscher Leser denkt, wenn er dieses Gedicht liest. Solche Information läßt sich nicht sachgerecht linear aufbereiten, solche Daten kann man nicht wie einen mathematischen Beweis zusammenstellen, der rechts unten auf dem Blatt mit "quod erat demonstrandum" endet. Vielmehr wird dem Benutzer des multimedialen Bildungswörterbuchs ein Informationsgewebe angeboten, in dem er sich auf die eben besprochene, "tänzelnde", Weise bewegt, bis er glaubt, genug Information gefunden zu haben.Aber auch für literarische Werke läßt sich diese Erkenntnis über das Leseverhalten in Hypertexten nutzen, wie etwa Peter Glasers "Licht, Berlin" beweist: Der Autor hat hier berlinbezogene Textfragmente von Walter Benjamin, Peter Handke und Marshall McLuhan mit eigenen Textblöcken kombiniert. Zusammengehalten von "Berlin" und "Licht" als Kristallisationspunkten werden verschiedenartige Beobachtungen, Eindrücke und Momentaufnahmen wiedergegeben und miteinander vernetzt und ergeben tatsächlich für den Leser ein abgerundetes, in sich stimmiges Textgebilde trotz der unterschiedlichen Verfasser der einzelnen Textabschnitte, da die Autoren in ähnlicher Weise mit den Themenfeldern "Berlin" und "Licht" gearbeitet haben und die Texte sich nur wenig gegen Glasers Montage sperren.
Weit häufiger als die direkte Wiedergabe längerer Passagen anderer Autoren ist allerdings der mehr oder weniger direkte Verweis auf externe Texte. Obwohl wir ihn nicht als definierendes Kriterium eines Hypertextes gebrauchen konnten, lohnt ein Blick: Jeder Verfasser eines Textes oder Textfragmentes hat ein schier unüberschaubares Instrumentarium zur Setzung externer Verweise in den verschiedensten Formen und Arten. Vom direkten Zitat über die eingangs erwähnten Floskeln "wie ich noch ausführen werde", "der Beweis findet sich in Kapitel 7" oder das biblische "Euch ist gesagt worden" über das Aufgreifen eines Motivs, den Auftritt einer Person aus einem anderen Werk oder auch nur den Gebrauch bestimmter Wendungen - die Literaturwissenschaft strotzt förmlich vor Untersuchungen zum Thema "Intertextuelle Verweise". Ob es sich nun um eine mystische Tafelrunde mit vorgegebenem Personal und ritualisiertem Handlungsrahmen oder "nur" das Aufgreifen irgendwelcher Kleinigkeiten aus anderen Texten zur Freude der Literaturwissenschaftler ist...All diese Möglichkeiten hat natürlich auch noch ein Film- oder Theaterregisseur oder der schon bemühte Erzähler oder Schauspieler - kurz, jeder, der am fertigen Produkt beteiligt ist, kann auf vielfältige und höchst differenzierte Weise Verweise in andere Texte hinein setzen.
Der Hypertextautor hat zwar innerhalb seiner Textblöcke die gleichen Möglichkeiten zur Verfügung wie jeder andere Autor auch, seine spezifische, gerade auf das Verweisen hin angelegte Hyper-Technik läßt ihn hier jedoch auf das schmählichste im Stich. Wie wir im ersten Teil meiner Ausführungen sahen, endet ein hypertextueller Verweis immer zwangsläufig mit einem "Bildschirm voll Text", genau vom Autor definiertem Text. Eine Anspielung ist nicht anklickbar, sozusagen. Wenngleich wir eingangs sahen, wie vielfältig hypertextuelle Verweise gestaltet sein können, so enden sie doch zwangsläufig immer bei einem exakt benannten Textblock. Jede andere, "weiche" literarische Verweisform ist mit solchen "scharfen" Hypertext-Verweisen nicht abbildbar.Noch drastischer trifft dies (wiedermal) den Hypertext-Leser: Während ein konventioneller Text ihn jederzeit dazu einlädt, innezuhalten und, gedanklich abschweifend, seinen eigenen Assoziationsketten zu folgen, suggeriert ihm der Hypertext mit seinen "hartkodierten" Verweisen ein "rundes", abgeschlossenes semantisches Netzwerk, das nur leider unendlich weit hinter den eigenen gedanklichen Textverknüpfungen des Lesers zurückbleibt. Zwar mag manch ein Verweis "nach draußen" aus einem Hypertext tatsächlich eine für den Leser unerwartete und bereichernde Verknüpfung zwischen zwei Texten herstellen, aber in aller Regel bleibt das vom Autor umgesetzte weit hinter dessen Ideen, Kenntnissen und Möglichkeiten und erst recht denen des Lesers zurück, schon aus praktischen und zeitlichen Gründen.
Wir stehen also hier vor dem gleichen Problem wie bei den innertextlichen Verweisen: Ein System, das den Leser auf die vom Autor angelegten Pfade beschränkt, erweitert seine Freiheit nicht qualitativ. Ein Hypertext, an dem der Leser nicht aktiv mitwirken und mit-verknüpfen darf, wird im direkten Vergleich mit konventionellen Texten immer den Kürzeren ziehen, weil er vorgibt, zu sein, was er nicht ist und niemals sein kann, nämlich ein vom Autor angelegtes teilweises Vorwegnehmen des Rezeptionsprozesses durch die Verzahnung mit fremden Texten sowie der einzelnen Textblöcke innerhalb des Werkes selbst miteinander. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Natürlich gab es auch in der traditionellen Literatur entsprechende Techniken. Neben mehr oder minder subtilen Verweisen auf andere Texte, Stoffe oder Autoren gab es natürlich auch im Printmedium die Möglichkeit des Zitats oder der Kollage und Montage fremder Texte. Aber keine dieser traditionellen Techniken reißt den zitierten Textblock derart aus seinem Zusammenhang wie ein Hypertextabschnitt, da stets das Montierte, Zusammengesetzte des ganzen deutlich bleibt, während der Leser eines Hypertextes ja in jedem Falle mit miteinander vernetzten Textstücken rechnet und dies daher zunächst nicht als besondere Technik des Autors wahrnimmt, somit also viel eher auf das Spiel des Autors hereinfällt bzw. sich viel eher darauf unreflektiert einläßt. Die perfekt "nackte" Textreproduktion in den elektronischen Medien, die den Unterschied zwischen verschiedenen Texten und Textausgaben endgültig auf den Inhalt reduzieren und Äußerlichkeiten nicht mehr erkennbar sein lassen (nicht umsonst ist HTML eine inhaltsorientierte Auszeichnungssprache und kein Werkzeug für Screendesign), tut ein übriges dazu. Während der kritische Leser eines Zitats sich oft die Mühe macht, dessen originalen Kontext nachzulesen (so er ihn nicht im Kopf hat), ist der typische Hypertextrezipient auf das Verfolgen von Verweisen abgerichtet und wird nur selten das Textgewebe, "in" dem er sich befindet, verlassen, um den Zusammenhang, in dem ein zitierter Text ursprünglich stand, nachzuvollziehen. Oder hatten Sie bei der Lektüre von Peter Glasers "Licht, Berlin" Ihren Walter Benjamin aufgeschlagen neben dem Bildschirm liegen? Wie steht es nun also um die im Vortragstitel erfragte "Freiheit des Lesers" von Hypertexten? Wir haben gesehen, daß Hypertexte eben doch nicht nur "Texte plus Hyperlinks", durch Verweise zusammengehaltene Textblöcke, sind. Das Lesen eines Hypertextes unterscheidet sich vielmehr fundamental vom Lesen eines linear strukturierten Textes, weil es einen aktiven Mitspieler erfordert, der sich den Spielregeln des Autors unterwirft und das hypermediale Kunstwerk erst bei der Rezeption für sich längs der Zeitachse ordnet. Ob der Leser bei diesem Vorgang allerdings irgendwelche Freiheiten genießt, irgendwelche bewußten Entscheidungen treffen kann, ob er überhaupt über die notwendigen Informationen verfügt, seinen Lesevorgang willentlich zu gestalten, das wird alleine vom Autor festgelegt. Selbst die banale Freiheit eines normalen Buchlesers, vor- oder zurückzublättern, kann vom Hypertextautor durch entsprechende Programmierung der Darstellungsmaschine beschnitten werden. (Wir sahen ja, welch zentrale Rolle diese Textpräsentationsmaschinerie, ihre Möglichkeiten und ihre Programmierung durch den Autor für den Umgang mit Hypertexten spielt.) Der typische Hypertext bietet sich seinen Lesern als undurchschaubares, unübersichtliches und unbeherrschbares Textlabyrinth dar und vermittelt alles eher als das Gefühl, gegenüber konventioneller Buchlektüre irgendwelche Freiheitsgrade hinzugewonnen zu haben.