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Internet, Literatur und die Theorie der Postmoderne
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"Er ist im Netz der Netze noch nicht aufgetaucht, der Online-Ulysses. Das hypermediale Großwerk, das seinen staunenden Lesern, Betrachtern und Hörern 24 Stunden Erlebniszeit anbietet und abzwingt. Das alle Alltagsgeschäfte und physischen Bedürfnisse ebenso vergessen läßt wie das Tränen der Augen vor dem leise flimmernden Bildschirm und das Ticken des Zählers bei der Telekom." Die Worte von Hermann Rotermund, Juror des Internet-Literaturwettbewerbes 1997, machen deutlich, wie hoch die Erwartungshaltung gegenüber der neuen Literaturform ist. Andere, wie Nina Hautzinger, suchen nach einem "hypertextuellen Gesamtkunstwerk" oder fordern, wie Heiko Idensen: "Die Poesie soll von allen gemacht werden." Hier wird eine Überbietungsrethorik verwendet, die an die Neuen Medien die Hoffnungen überwältigender ästhetischer Erfahrungen, die Aufhebung der Trennung von Kunst und Leben sowie eine Ästhetisierung der Alltagskommunikation knüpft.
Digitale Technologien versprechen die Einlösung und Verknüpfung von zwei unterschiedlichen utopischen Konzepten: auf der einen Seite die Tradition der klassischen Avantgarde mit ihrer Forderung nach der Aufhebung der Kunst und das postmoderne Theorem einer nicht-hierarchischen, frei zugänglichen und veränderbaren "Ordnung der Dinge".
Dass Hypertext und Netzliteratur sich gerade in den USA schneller als im deutschsprachigen Raum etabliert haben, ist auch in der größeren Verbreitung postmoderner Theorien begründet. Hypertext und Hypermedia entsprechen in vielen Facetten dem postmodernen Kommunikationsbegriffes: ein fragmentierter Text, der in beliebiger Weise und rhizomartig kombinier- und erweiterbar ist, verschiedene Medien- und Semiotiksysteme verbindet und auf einer technischen Plattform verfügbar ist, die allgemeine Zugänglichkeit suggeriert. Interaktivität und Kollaborativität stellen einmal den traditionellen Autorenbegriff zumindest in Frage, und es bleibt zum anderen in der Netzstruktur des Hypertextes dem Leser überlassen, die "Ordnung des Diskurses selbst herzustellen oder sich von der Unordnung der Fragmente verwirren zu lassen" (Uwe Wirth).
In den Augen postmoderner Medientheoretiker bieten die Neuen Medien erstmals angemessen Kommunikationsformen, die mit anthropologischen Annahmen über das menschliche Denken korrespondieren: der Assoziation des menschlichen Geistes entspricht das Verknüpfungs-, Veränderungs- und Erweiterungspotential der digitalen Texte. Gleichzeitig sollen die neuen Technologien die Aufhebung gesellschaftlicher Spezialisierung und Rollenteilung mit sich bringen: "Der immer wieder und vornehmlich von amerikanischen TheoretikerInnen ins Spiel gebrachte utopische Gehalt der Hypertext-Technologie beruht auf der Idee eines 'Docuverse', d.h. eines digitalen Text-Universums mit breit gestreuten Zugangsrechten [...] Der Kern dieses Modells besteht in einer Art Gelehrtenrepublik-Phantasie: Die Nutzer sollen die Möglichkeit erhalten, Links zu und aus allen möglichen Texten im Netzwerk anzulegen, zu denen sie bis dahin keine Zugriffsrechte, sondern nur 'Leserechte' besitzen. Gerade eine solche Aufhebung der Differenz zwischen Lese- und Schreibrechten auf der Ebene von WWW-Servern wäre das entscheidende Moment einer neuen 'Wissensordnung', in der die Rolle des Lesers mit der des Autors verschmelzen könnte." (Heiko Idensen)
Tatsächlich aber findet dies kaum statt: auch die Theoriebeiträge der optimistischsten Netz-Theoretiker lassen einen solchen Zugriff nicht zu und nur in den seltensten Fällen ist es dem Benutzer möglich, Texte zu verändern, eigene Verknüpfungen anzulegen oder Kommentare anzufügen. Von einer ästhetischen Kompetenzüberschreitung im "Online-Universum", wie es Peter Weibel und andere erhoffen, sind zur Zeit nur wenig Spuren zu finden. Künstlerische und literarische Kommunikation im Netz wird zunehmend marginalisiert und das Internet immer mehr zum Ort eines Marketingkalküls. Statt die Rollentrennung von Lesern und Schreibenden aufzuheben, wird sie durch die Verbreitung des Internets reproduziert: Je mehr Nutzer, desto weniger Schreibende, sieht man von Chat und E-mail als nicht primär literarische Kommunikationsformen ab.
Ein Großteil dieses durchaus produktiven Missverständnisses des Mediums beruht auf einem positiven Technikbegriff: in der Hoffnung, durch mediale Veränderungen neue Produktions- und Rezeptionsformen erreichen zu können, wie dies bereits von Walter Benjamin in Bezug auf die Fotografie und Bertolt Brecht angesichts der Einführung der Radiotechnik formuliert wurde. Aber die Mediengeschichte legt andere Schlüsse nahe: selten haben neue Medien alte gänzlich verdrängt. Alte Seh- und Erfahrungsweisen wurden zwar verändert, aber nicht abgelöst. Die utopischen Projektionen einer demokratischen Netzöffentlichkeit haben sich ebenso wie die Hoffnung auf eine in ihren ästhetischen Formen radikal neue Medienkunst bzw. Netzliteratur als überspannt erwiesen. Aus der erhofften kritischen Netzöffentlichkeit ist ein immer unübersichtlicheres Gewirr von Subgruppen im Netz entstanden. Auch die Literaten bilden hier nur eine marginale, wenn auch anwachsende Subkultur. Insofern ist ein "Verschwinden des Buches im Netz" ausgehend von den heutigen technischen Möglichkeiten nicht abzusehen.
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