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Technik und Literatur: Produktionsformen und Autorensysteme
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Das Internet wird zum immer beliebteren Publikationsort: hier finden sich in zahlreichen Textsammlungen hauptsächlich Lyrik und Kurzprosa von vorwiegend unbekannten Autoren, die das Internet unabhängig von einer Lektoratsauswahl und verlegerischem Risiko zur Verbreitung ihrer Arbeiten nutzen. Zunehmend mehr Texte der klassischen Literatur stehen bei Projekten wie Gutenberg in digitalisierter Form zu Verfügung und erleichtern insbesondere literaturwissenschaftliche Forschungen erheblich.
Die Vorteile des Internet, Literatur schnell und relativ kostengünstig zugänglich zu machen, führt dabei zur Unübersichtlichkeit. Noch fehlen weitgehend Auswahl-Mechanismen wie das Lektorat bei Verlagen und Buchreihen oder die Kritik in Zeitung, Funk und Fernsehen etc., die dem Leser eine Vorauswahl oder Informationen bieten. Dieses Manko zu beheben bemüht sich aber eine immer größer werdende Zahl von Netzliteratur-E-Journals und Literaturkritik-Sammlungen, häufig jedoch mit schwankender Qualität.
Nur wenige etablierte Schriftsteller nutzen bislang Möglichkeit einer Online-Publikation. Dies mag an fehlenden Verkaufsmöglichkeiten liegen. Ein Indiz dafür ist das Online-Tagebuch "Abfall für alle" von Rainald Goetz, der ein Jahr lang täglich Tagebuch-Notizen im Internet veröffentlichte. Mit dem Erscheinen der Printausgabe bei Suhrkamp verschwand die Online-Version aus dem Netz. Zwar wird seit Jahren an der Entwicklung von nicht kopierfähigen Formen elektronischer Texte gearbeitet, bislang hat sich aber kein Standard durchsetzen können. Auf Akzeptanz von Internet-Benutzern würde eine solche Technik wahrscheinlich kaum stoßen - insofern halten Verlage allein schon aus kommerziellen Erwägungen weiterhin an dem Buch als dem bevorzugten Medium für Literatur fest. Auch die arbeitsaufwendigen CD-Rom Editionen von Klassikern und Werkausgaben sind vorläufig kaum mehr als Testläufer und Prestigeobjekte von Verlagen.
In den Vereinigten Staaten dagegen hatte sich bereits in den 80er Jahren ein Publikum für literarische Hypertexte entwickelt. Auf den früher weiter verbreiteten Rechnern der Firma Apple war mit "Hypercard" ein Programm installiert, das die Erstellung von Hypertexten für den Benutzer ohne Programmierkenntisse ermöglichte. 1986 kam "Storyspace" auf den amerikanischen Markt, das der amerikanische Schriftsteller Jay Bolter zusammen mit Michael Joyce für die Firma Eastgate entwickelt hatte. "Storyspace" ermöglichte die grafische Darstellung der Verbindungen der einzelnen Textelemente und die Erstellung komplexer Textnetzwerke. Mit Afternoon, a Story schuf der Mitentwickler Michael Joyce ein mittlerweile zum Klassiker avanciertes Grundlagenwerk für Hypertext-Literatur. Obwohl vorwiegend in den USA sich ein Publikum für literarischen Hypertext fand und an Universitäten literaturtheoretische Fragen der neuen Textform diskutiert wurden, standen der Verbreitung technische Hindernisse entgegen: noch waren Computer teuer, die Programme nicht für alle Systeme kompatibel. Dies änderte sich Anfang der neunziger Jahre mit dem Preisverfall für Computer-Hardware und der Einführung von HTML als Standardsprache im WWW, die mit kostenlos erhältlichen Browsern (Leseprogrammen) auf allen Computern mit Internetanschluss gelesen werden konnte. Durch die Hinzufügung immer neuer Software-Komponenten bis hin zur Multimedia-Programmierung hat das erweiterungsfähige HTML sich nicht nur im Internet generell, sondern auch als technischer Standard für literarische Arbeiten neben dem Grafikformat PDF im wesentlichen durchsetzen können. Umgekehrt bilden sich die Beschränkungen der nicht für Literatur designten HTML-Sprache in vielen Werken ab und beeinflussen die Autoren.
Dennoch gibt es im Internet eine zwar zunehmende, aber immer noch überschaubare Anzahl avancierter Hypertext-Arbeiten. Die Gründe sind vielfältig: neben fehlenden Vermarktungsmöglichkeiten erweist sich die "Aura des Buches" als langlebig. Außerdem muss der Autor neue Kompetenzen aufweisen. Zwar erfordert eine einfache Hypertextprogrammierung nur leicht erlernbare Kenntnisse, eine weitergehende Ausnutzung der künstlerischen Potentiale des (Multi-)Mediums aber ist nur mittels umfassender Programmier- und Softwarekenntnissen möglich.
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