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Literaturtheorie
 
   
Vom Linearen zum Link: Literarischer Hypertext
Hypertext ist eine Textform, deren Elemente durch Hyperlinks verbunden sind. Üblicherweise bewegt sich der Leser per Mausklick in der aus mehreren Ebenen und Teilen bestehenden Textstruktur. Gegenüber einem linearen, im Buchdruck herkömmlichen Text ermöglicht Hypertext eine komplexe Anordnung von Textelementen, deren Verknüpfung frei definiert werden kann. Die Verbindung der Textelemente (dies können auch Bilder, Animationen oder Töne sein) von Hyperlinks ermöglicht dem Autor die Setzung von Textanschlüssen, die sehr vielfältig genutzt werden kann. Die Hypertextstruktur und die zunehmende Verknüpfung mit Multimedia-Elementen stellt neue Kompositionsaufgaben und erfordert ein neues Textverständnis, dem nur eine erweiterte Literaturtheorie entsprechen kann.

Die Entstehungsgeschichte des Hypertextes ist umstritten. Gegen die Behauptung, Hypertext wäre eine Innovation der Neuen Medien, wurde eingewandt, Literatur als solche basiert aufgrund ihrer Intertextualität immer schon als Hypertext - schließlich gebe es keinen Text, der nur für sich allein steht, ohne über Assoziationen oder Anspielungen an andere Texte anzuknüpfen. Auch wenn von Schriftstellern hypertextartige Formen entworfen wurden - man erinnere sich an die Zettelkästen Arno Schmidts oder Walter Benjamins Aufzeichnungen für das "Passagenwerk" - wird Hypertext zur Grundstruktur im World Wide Web. Die Neuen Medien liefern erstmals technisch angemessene Möglichkeiten für die räumliche Realisierung von Hypertext.

Der Leser eines Hypertextes hat die Möglichkeit, sich für verschiedene Lesepfade durch einen Hypertext zu entscheiden. In den seltensten Fällen hat er einen Überblick über dessen Elemente, die in einer Baum- oder Netzstruktur (Rhizom) miteinander verbunden sein können. Die Textstruktur bleibt undurchschaubar, eine lineare Abfolge von Kapiteln und Seiten fehlt und Hypertexte haben häufig keine Ende: der Leser verfolgt statt dessen immer neue mögliche Kombinationsvarianten der Textelemente. Assoziative Verbindungen können dabei sichtbar gemacht werden. Damit hat der Leser zwar Wahlmöglichkeiten des Leseverlaufes, gleichzeitig aber kann er nur die vom Autor vorgesehenen Verknüpfungspfade abschreiten und Assoziationen nachvollziehen. Der Leser muss diese nicht mehr selbst herstellen, ein Grund der zum Vorwurf einer "assoziativen Verarmung" bei Hypertexten geführt hat.

An diesem Punkt ergibt sich die große Schwierigkeit eines literarischen Hypertextes, der nur dann überzeugt, wenn es dem Leser möglich ist, einen plausiblen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Textfragmenten herzustellen. Lineare Geschichten und klassische Erzählformen sind mit Hypertext kaum abbildbar. Die einzelnen Textelemente müssen vielseitig verknüpfbar sein. Hypertext unterstützt eine Episodenhaftigkeit und hermetische Dichte der einzelnen Fragmente.

Die Sinnstruktur eines Links ist für den Leser in den seltensten Fällen transparent, dabei gibt es eine Vielzahl möglicher Linkformen, eine Klassifikation hat bereits über 80 verschiedene Typen gezählt. Der Leser muss sich tastend vorarbeiten und zwischen den Textseiten hin- und herspringen. Somit ergibt sich eine "relationale Lektüre" (Gerard Genette), die den Sinn einer Textpassage aus der Perspektive seiner Verknüpfungen aktualisiert.

Für den Leser hält Hypertext-Literatur damit Überraschungen bereit, da sie nicht notwendigerweise in eine überzeugende und befriedigende Leseerfahrung mündten. Zum "Lost in Cyperspace" gesellt sich die Erfahrung, sich im Hypertext zu verlieren. Uwe Wirth hat in seinem Artikel Wen kümmerts, wer liest? einige verschiedene Lesemöglichkeiten eines Hypertextes beschrieben: "einen permanent abschweifenden, aufpfropfenden, entführenden, anekdotischen Leser [...], der nicht mehr in der Lage ist, seine diskursive Funktion als Einheitsstifter zu erfüllen, [... dann eine] fetischistische Lektüre, die sich am zerschnittenen Text und der Zerstückelung der Zitate freut. Eine andere Möglichkeit wäre die paranoiden Lektüre, die verzwickte Hypertexte so interpretiert, als seien sie nach geheimen Spielregeln hervorgebrachte Konstruktionen. Die diffuseste dieser Möglichkeiten aber wäre die hysterische Lektüre, die sich blind in den Hypertext hineinwirft, ihn zu Ende lesen will und sich deshalb im Netz des Hypertextes verfängt."

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