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Literaturtheorie
 
   
Vom Tod des Autors, kollaborative Autorschaft und die Rolle des Lesers
Es gibt in der Literaturgeschichte zahlreiche Beispiele für gemeinsames Schreiben jenseits des individualisierten Autorensubjekts, angefangen von der Schriftkultur in den Klöstern des Mittelalters. Eine kollaborative Autorschaft wird also nicht erst durch das Internet ermöglicht, aber durch diesen Distributionsweg bedeutend vereinfacht. Die Veränderung in der Position des Autors wird in einer Literaturtheorie vorweggenommen, die bereits in den 60er Jahren mit Michel Foucault den "Tod des Autors" als sinnstiftende Instanz eines literarischen Textes verkündet hatte. Diese radikale Sinnverschiebung vom Autor zum Leser erfuhr angesichts des Internets eine nachdrückliche Bestätigung. "Im Cyberspace", wird in diesem Zusammenhang häufig Benjamin Whooley zitiert, "ist jeder ein Autor, was bedeutet, das niemand mehr Autor ist: die Unterscheidung zum Leser löst sich auf. Exit Autor."

Am Ende der Gutenberg-Galaxis, dem von Marshall McLuhan geprägten Terminus für die universale Buchdruckkultur, stehe das Dokuverse, ein gigantischer Hypertext, der die Unterscheidung zwischen Autor und Leser aufhebt, wie Medientheoretiker wie Norbert Bolz und andere konstatieren. Das Internet biete, so die Argumentation, die technischen Möglichkeiten für den Übergang von der passiven Mediennutzung zur interaktiven Mitautorschaft. Die Charakteristika der Buchdruckkultur - Autorenschaft, Copyright, Werk und Warencharakter der Literatur - sind in einer digitalen Kommunikation nicht aufrecht zu erhalten. Mit dem Hinweis auf dessen technische Charakteristik argumentiert Reinhold Grether: "Wenn es nämlich in digitalen Netzen vorwiegend um Versionen, Montagen und Formatwechsel geht, dann tritt die auktorielle Selbstentäußerung zugunsten von Austausch, Kommunikation, Kooperation und sozialer Datenverarbeitung in den Hintergrund. Netzliteratur koordiniert Konzept-, Programmier-, Design- und Kommunikationskompetenzen zu Performanten digitaler Schriftlichkeit, die keiner Autorinstanz mehr zugerechnet werden können."

Eine andere Position begründet den Wandel der Autorschaft mit der Struktur des Hypertextes. Dieser bilde kein einheitliches Werk, sondern vielmehr eine literarischen "Steinbruch" (Bernd Wingert). Die einheitsstiftende Rolle des Autors überträgt sich auf den Leser, der im Hypertext durch eigene Entscheidung eine Textfolge kombiniert und eine kohärente Verbindung der Textfragmente herstellen muss.

Selbst wenn dies einen Wandel in der Beziehung von Autor und Leser bedeutet, ist daraus noch nicht aus einem Ende der Autorschaft zu schließen. Wer die Verknüpfungs- und Wahlmöglichkeiten des Hypertexts mit einer neugewonnen "Freiheit des Lesers" gleichsetzt, übersieht, dass es weiterhin der Autor ist, der Verknüpfungspfade setzt. So ermöglicht das Autorenprogramm "Storyspace" sogenannte "konditionale Links", die dem Leser nur dann Hyperlinks aufzeigen, wenn er bestimmte Elemente schon vorher gelesen hat. Zahlreiche Programmierungen generieren einen ablaufenden Text - der Leser hat keine Möglichkeit, den Text anzuhalten und ist einem technischen Ablauf "ausgeliefert".

Weiterhin ist fraglich, ob ein technisches Medium allein die Fähigkeit hat, überlieferte Rezeptionsweisen aufzubrechen, Hoffnungen, wie sie schon Walter Benjamin an die fotografischen Medien und Bertolt Brecht an die Radiokommunikation geknüpft hatten. Eine solche Argumentation übersieht häufig die Tatsache, dass eine bestimmte Rollenteilung innerhalb literarischer Kommunikation Ergebnis einer funktionalen Ausdifferenzierung ist. Autor und Werk erfüllen die Funktion einer Beständigkeit und Verlässlichkeit, die Instanzen des Literaturbetriebes eine Auswahlfunktion, die Orientierung vermittelt im immer größeren Informationsangebot. Dass ein Autor für Computerliteratur Programmierkenntnisse oder auf eine Zusammenarbeit mit Programmierern angewiesen ist, ändert die Struktur, aber nicht das Prinzip der Autorschaft. Dabei scheint der Autor weniger als oberste Sinninstanz, sondern vielmehr als Ordnungsinstanz des literarischen Materials auch im Internet gefragt zu sein: Literatur verspricht weiterhin ein gesellschaftliches Prestige, die in der völligen Anonymität nicht erreichbar wäre; literarische Texte erscheinen auch im Internet in den vorwiegend nicht anonym.

Mitschreibeprojekte existieren im Internet in ganz verschiedenen Strukturen. Der Hyperknast von Heiko Idensen beruht auf einer von jedem Leser erweiterbaren und verzweigbaren Baumstruktur, wobei ein thematischer wie metaphorischer Rahmen durch den Titel bereits vorgegeben ist. Der Pool veröffentlicht alle eingesandten Beiträge in einer linearen Reihenfolge. Weiterhin existieren diverse Gemeinschaftsromane oder -krimis, und Autorenprojekte wie Null von Thomas Hettche, in dem Beiträge und Kommentare ausgewählter Autoren rhizomartig - netzartig verwoben - miteinander verknüpft werden.

Weiterführende Artikel:
Das Seminar Kollaborative Autorschaft von Stephan Porombka, Ernst-Peter Schneck und Thomas Wegmann und Heiko Idensens Artikel Von utopischen Konzepten zu kollaborativen Projekten im Internet.

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