 |
|
|
Genreformen digitaler Literatur: Computerliteratur, Netzliteratur, Hypertextliteratur
|
Die meiste im Internet abrufbare Literatur ist in einem traditionellen Schreibprozess entstanden - Printtexte in digitalisierter Form. Selbst die dem Computer zugeschriebene Cut & Paste-Technik - ausschneiden und wieder zusammenfügen - hat ihre Vorbilder in der traditionellen, "analogen" Montage der zwanziger Jahre. Hypertext, also die Verbindung von Textfragmenten durch frei wählbare Verknüpfungen, gibt es auch in Papierform, ebenso eine multimediale Verknüpfung von Text und Bild.
Was aber kennzeichnet im Gegensatz dazu eine originäre "digitale Literatur", die produktiv die besonderen Möglichkeiten des Computers und des Internets ausnutzt? Das qualitativ Neue der Computerliteratur entsteht zum Einen, wenn literarische Texte mit Programmelementen versehen werden, um visuelle Bewegung oder mimetische Effekte zu erzeugen. Als digitale Rechenmaschine stellt der Computer eine Technik der Informationsverarbeitung dar, die für eine Bearbeitung der verschiedenen semiotischen Systeme, ob Schrift, Bild oder Ton, gleichermaßen geeignet ist. Insofern ist eine Aufhebung der Grenzen zwischen Bild, Literatur und Musik bereits im Medium angelegt und immer komplexer werdende Hypertext-Arbeiten schöpfen diese Möglichkeiten durch die Verbindung von Text, Ton und Bild zunehmend aus.
Prädestiniert sind Computer aber auch zur Generierung kombinatorischer Literatur, d. h. der Rekombination von Textelementen nach einem vorher bestimmbaren oder auch aleatorischen, zufallsgesteuerten Prinzip, wie Florian Cramer es auf seiner Homepage Permutationen umgesetzt hat.
In Anlehnung an Dirk Schröder kann man folgende Unterscheidungen treffen:
- Textbasierter, literarischer Hypertext
(Hypertextliteratur, wie Licht, Berlin von Peter Glaser oder Afternoon, a Story von Michael Joyce)
- Animierte nicht-multimediale Literatur
(Computerliteratur, wie noise 99 von Oliver Gassner oder The Book of Neoism von Florian Cramer)
- Literatur von Internet-vernetzten Autorengruppen, genannt kollaborative (gemeinschaftlich verfasste) Schreibprojekte, die offen zugänglich oder nur für eine ausgewählte Autorengruppe sein können.
(Ein Beispiel für ersteres ist der Hyperknast von Heiko Idensen u.a., für bestimmte Autoren zugelassen ist dagegen Pool oder Null)
- Multimediale Literatur, bzw. Literatur als Teil einer Bild, Ton, Animationen und Video umfassenden, multimedialen Netz-Kunst.
(Siehe Gvoon oder Das Epos der Maschine von Urs Schreiber)
Die meisten Arbeiten einer "digitalen Literatur" sind aber Mischformen. Mit zunehmender technischer Entwicklung geht die Tendenz zu multimedialen, mit Programmelementen versehenen Hypertextarbeiten, wie z.B. Meine Stimme ist weiß von Susanne Wolf. Reine Hypertext- und Hypermedia-Literatur ist technisch nicht auf das Internet angewiesen, werden aber vorwiegend darüber verbreitet. Kollaborative Schreibprojekte sind dagegen nur in einem Netzwerk sinnvoll. Sie nutzen die Bearbeitungsmöglichkeit und Erweiterbarkeit durch den Leser, die Herstellung intertextueller Bezüge und Verknüpfungen. Einige Netztheoretiker - wie Heiko Idensen oder Dirk Schröder, der hierfür den Begriff "Webfiction" vorschlägt - sehen gerade in den kollaborativen Schreibprojekten die spezifische neue Literaturform des Internets, mit schwerwiegenden Folgen für die institutionalisierte Rollenverteilung von Werk, Autor und Leser.
|
 |  |
|