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Anfänge: die ersten Versuche einer Computerliteratur
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Kurz nach dem Ende des 2. Weltkriegs veröffentlichte Vannevar Bush, zu jener Zeit wissenschaftlicher Berater des US-amerikanischen Präsidenten Roosevelt, den Artikel "As we may think", in dem er einen visionären Entwurf für eine zukünftige Wissensordnung beschrieb. Angesichts des immer rascher wachsenden Umfangs des menschlichen Wissens sei ein neues System für eine adäquate Orientierung vonnöten; Bushs Antwort war die Idee einer Maschine, genannt Memex (für engl. Memory Extender - "Gedächtniserweiterung"). Auf der Basis eines Microfiche-Systems sollten alle schriftlichen Überlieferungen der Menschheit verfügbar und vom Benutzer beliebig verknüpfbar und erweiterbar sein. Damit entwirft Bush die Möglichkeiten einer individuellen Verbindung von Texten jenseits der Klassifizierung der traditionellen Bibliothek, und dies auf einer technischen Plattform, die eine Zusammenführung aller menschlichen Überlieferungen verspricht. Damit entwickelte Bush ein Konzept, dessen utopisches Potential mit der Einführung des Internets Anfang der neunziger Jahre neu belebt wurde.
In Deutschland war es die an experimenteller Literatur interessierte Stuttgarter Gruppe um Max Bense, die sich bereits Ende der fünfziger Jahren der theoretischen Basis und Produktion zufallsabhängiger Computertexte und -grafik zugewandt hatten. 1959 veröffentlichte Theo Lutz einen Aufsatz über mit Hilfe der Großrechenanlage ZUSE Z 22 geschriebene "Stochastische Texte". Dabei wurden mit syntaktischen Regeln und einem eingegeben Wortvorrat literarische Texte generiert, die Bense als "künstliche Poesie" umschrieb. Andere, wie Gerhard Stickel, verfassten mit Hilfe einer IBM-Rechenmaschine "Autopoeme". Eine ZUSE Z 23 wurde 1967 von Manfred Krause und Götz F. Schaudt zu Erstellung von "Computerlyrik" benutzt, einer "Poesie aus dem Elektronenrechner". "Diese Experimente mit computergenerierter Grafik, konkreter Musik und der Verbindung von Sprache und Elektronik", schreibt Reinhard Döhl, sind "parallel zu sehen sind mit dem in Stuttgart damals virulenten Interesse an einer konkreten bzw. visuellen Poesie, an Permutationen, Würfeltexten oder dem Cut-up-Verfahren."
Die ersten literarischen Werke mit den Rechneranlagen waren das Ergebnis der Arbeit einer kleinen Avantgarde, die sich einem spielerischen, nicht-erzählerischen und auf ihre Materialität orientierten Umgang mit Sprache verschrieben hatte. Ein breiteres Publikum fand sich dafür nicht; gleichzeitig boten Fernseh- und Ton- bzw. Rundfunktechnik erheblich größeren Spielraum für künstlerische Experimente. Dies sollte sich erst mit der Einführung des PCs, des Personal Computers, vor knapp 20 Jahren ändern, der die Computerliteratur über die Experimentalphase hinweg für einen größeren Kreis hat interessant werden lassen. Für immer mehr Benutzer erschwinglich, wurden Ende der achtziger Jahre die ersten, rein text-basierten, Hypertext-Programme für den PC entwickelt, die Firma Apple begann, das Hypertextprogramm "Hypercard" serienmässig installiert auf ihren Rechnern auszuliefern.
"Afternoon - a story" von Michael Joyce war eines der ersten Hypertext-Arbeiten, die als Prototyp eines seriösen literarischen Hypertextes wahrgenommen wurden. Joyce selber hat mit einem Literaturwissenschaftler und Mathematiker - Jay David Bolter und John B. Smith - zuvor das Programm "Storyspace" für Hypertext-Autoren entwickelt. Storyspace ermöglichte erstmals die Verwaltung komplexer Textstrukturen mittels einer grafischen Oberfläche. Noch vor der großen Verbreitung des Internets entstand in den USA eine interessierte Gemeinde, in denen literarische Hypertext-Arbeiten per Disketten zirkulierten.
Das Internet revolutionierte später nicht nur die Kommunikationsmöglichkeiten; mit der technischen Verbesserung der Computer war die Grundlage geschaffen für multimediale Erzählformen, die neben Text auch bewegte Bilder und Ton beinhalteten. Die Voraussetzung für neuartige Netzwerke von Autoren und Lesern wurden gelegt und eine aktive Beteiligung des Lesers am literarischen Entstehungsprozess über das bloße Anwählen von Seiten hinaus möglich. Der Computer bot nun die Verknüpfung verschiedener ästhetischer Ausdrucksformen auf einer interaktiven und vernetzten Plattform - der Beginn einer hybriden Netzliteratur, für die es bislang keine etablierten Begriffs- oder Genredefinitionen gibt.
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